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Dienstag
13.10.2020

Medien / Publizistik

In was für einer Welt lebt die NZZ-Spitze? Da werden doch tatsächlich am Wochenende die eigenen NZZ-Medien (CH Media) mit einem grossen Interview mit Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod sowie einem Gastkommentar von CEO Felix Graf in der «Neuen Zürcher Zeitung» mit selbstdarstellerischer Eigenwerbung, Strategieankündigungen und dem Kauf der OM Pharma vollgetextet.

Bei Jornod lautet die Headline in der «Schweiz am Wochenende», die zur CH Media gehört: «Fünf Franken pro Tag für Qualitätsjournalismus? Das müsste doch drinliegen!» und beim promovierten Physiker Graf ist der Gastkommentar mit: «Gibt es Analogien zwischen Journalismus und Grundlagenphysik?» in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Samstag betitelt; im Online-Briefing eingeführt mit: «Und das lesen Sie nur in der NZZ».

Der Klein Report hat sich das überdimensioniert lange Interview mit der «Schweiz am Wochenende» genauer angeschaut. Der Konzernjournalismus blüht wieder auf. Ein Trend, der auch bei anderen Medien wieder massiv zugenommen hat.

Schon beim Einstieg des Gesprächs geht es um den Kauf der Genfer Biotechfirma OM Pharma, und dass der 67-jährige Jornod damit «nochmals» «Unternehmer» werden, aber nicht mehr von «verantwortungslosen Aktionären» abhängig sein wolle.

Atmosphärisch geben die Journalisten Andreas Möckli und Patrik Müller ihrem Ober-Chef erst einmal brav den Schmus und zeigen, von welcher Grösse man hier im NZZ-Hauptgebäude «gleich neben dem Opernhaus» in Zürich spricht.

«Die Chefetage befindet sich im dritten Stock des NZZ-Gebäudes an der Falkenstrasse in Zürich», und «als wir Etienne Jornod zum Interview treffen, sind Haus gerade Bauarbeiten im Gange. Einzelbüros weichen Grossraumbüros». Dass das «im» den Journalisten vor Aufregung verloren ging, geschenkt.

«Jornod selbst hat sein Büro ebenfalls aufgegeben und arbeitet in einem Konferenzzimmer, wenn er bei der NZZ ist», heisst es unter dem Bild eines gütig lächelnden, aber dynamisch mit den Händen in den Hosentaschen dastehenden Etienne Jornod. Der 67-Jährige sei während des Interviews voller Energie. «Nur um sich einen zweiten Kaffee zu bestellen, unterbricht er kurz das Gespräch.»

Dass der VR-Präsident überhaupt am Zürcher Bellevue, an einer der teuersten Lagen in Zürich und der Schweiz mit Blick auf den See, ein eigenes Büro hatte, das war schon bemerkenswert. Wozu eigentlich?, wenn Jornod nur einen Tag in der Woche da ist, wie er selber sagte.

Es war ein weiteres repräsentatives Reich eines der NZZ-Könige hinter dem Thron des Chefredaktors.

Im NZZ-Dunstkreis von McKinsey, Hausanwälten und solchen aus der Start-up-Szene wird im Zürcher Bermudadreieck schon lange über die Immobilie Falkenstrasse 11 geredet, als wenn sie diesen Leuten selber gehören würde und einem die Welt nichts anhaben könnte. Ihr Wert wird auf mehrere 100 Millionen Franken geschätzt. Man fühlt sich sicher.

In der «Schweiz am Wochenende» folgt die nächste harmlose Frage: «Sie haben Ihre Ämter bei Galenica und Vifor abgegeben, Präsident der NZZ-Gruppe sind Sie nach wie vor. Trifft man Sie nun dauernd hier an der Falkenstrasse an?» Etienne Jornod: «Nicht dauernd, aber einmal in der Woche, manchmal mehr, das war aber vorher schon so. Ich möchte die Firma spüren.»

Chefredaktor Patrik Müller und Andreas Möckli fragen keck nach: … «Und was spüren Sie?» «Einen fantastischen Esprit», antwortet Jornod. «Als ich 2013 anfing, traf ich eine Institution an. Eine Institution, die seit 225 Jahren auf demselben Weg unterwegs war und sich gegen Veränderungen sträubte. Inzwischen wissen alle, dass es diese braucht. Und das Schönste: Die NZZ ist zu einer Organisation geworden, die sich selber verändert, von innen her.»

Heute ist «Monsieur Galenica», wie er sich gerne betiteln lässt, Ehrenpräsident des Pharmazie- und Logistikunternehmens aus Bern. Die beiden Journalisten fragen dazu etwas distanzlos: «Bei Galenica wurden in Ihrer Ära aus ein paar Hundert Angestellten deren 10'000. Eine gewaltige Wachstumsgeschichte. Bei der NZZ ist es das Gegenteil: Die Firma ist kleiner geworden. Widerspricht das nicht Ihrem Naturell?» Jornod: «Was ich will, ist bauen und entwickeln. Mein Ziel ist nicht, grösser zu werden – sondern erfolgreicher!»

Ob es dazu einen Abbau brauche, wird ihm eine Steilvorlage zu CH Media, dem Joint Venture von AZ-Medien und den NZZ-Regionalmedien, vor die Füsse gespielt, die er dankbar aufnimmt und meint: «Ich sehe es nicht als Abbau, wenn man sich von Aktivitäten trennt, wenn es Sinn macht. Es war ein Super-Entscheid, das Regionalzeitungsgeschäft aus der NZZ-Gruppe zu lösen und in das gemeinsame Joint-Venture mit ­Peter Wanners AZ-Medien einzubringen. Daraus wurde CH Media. Nun sind beide Partner viel stärker als vorher.»

Aus der Sicht des Verwaltungsratspräsidenten der NZZ, die vor Kurzem angekündigt hat, nur noch als Zwei-Bund-Zeitung am Markt zu sein, stimmt das auf den Job-Abbau bezogen. Denn CH Media hat über 200 Stellen gekürzt, die NZZ-Gruppe habe «verglichen mit anderen Medienunternehmen» wenige Jobs gestrichen.

«Wir brauchen natürlich Wachstum – aber dort, wo es drauf ankommt. Das entscheidende Kriterium ist die Zahl der Abonnements. Wir haben mehr zahlende Leserinnen und Leser als je zuvor», sagt Jornod.

Print gehe zurück, fassen die Journalisten nach. Die Online-Abos legten zu, «doch die digitalen Angebote sind viel günstiger»… «Klar. Aber die Entwicklung ist phänomenal: Wir haben heute fast 200'000 Abonnenten, als ich bei der NZZ anfing, waren es 140'000», antwortet Etienne Jornod, der im April 2013 zum Präsidenten der NZZ gewählt worden ist.

Das reiche angesichts des Rückgangs im Print langfristig nicht, rechnen Möckli und Müller vor. Ob nach seiner Amtszeit, die noch zweieinhalb Jahre dauere, «der grosse Befreiungsschlag» komme? Etienne Jornod: «Ich versuche, Entscheide immer mit einer Perspektive von zehn oder 20 Jahren zu treffen. Aber ja, es stimmt: Noch zweieinhalb Jahre. Dann wäre ich zehn Jahre bei der NZZ. Nur wenige Präsidenten vor mir waren so lange im Amt. Wer hätte das gedacht bei einem ­Welschen? (lacht)»

Ob er das selber gedacht habe?, wird nachgefragt. Er habe sich darüber nie Gedanken gemacht und erwähnt die Coronabedingte nicht physische Generalversammlung mit wenigen Teilnehmenden, bei der mit 98 Prozent gewählt worden sei, was «eine enorme Motivation» für ihn sei. «Ich geniesse hier jeden Tag, um unsere Strategie weiter mit zu schärfen und umzusetzen.»

Und wie lautet diese Strategie «in ­wenigen Worten?», fragen die Journalisten, die zwischen den Zeilen andeuten, dass sie selber keine sehen. Etienne Jornod übernimmt auch hier das Narrative von Eric Guyer und einem Marketingmann aus dem VR. «Die NZZ muss so gut sein, dass man sie unbedingt braucht, dass sie unverzichtbar ist. Dann werden die Abonnenten auch bereit sein, entsprechend dafür zu bezahlen», um dann gleich auszuweichen bei der nächsten Antwort, dass das aber «der ganzen Medienbranche bislang nicht gelungen ist».

Und zwar die Leute «vom Wert ­journalistischer Produkte zu überzeugen», ergänzt Jornod, der komplett ausblendet, dass es ein fantastisches publizistisches Medienangebot im DACH-Raum gibt.

«Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, fünf Franken pro Tag für Qualitätsjournalismus zu bezahlen – so viel wie für einen Kaffee. Fünf Franken pro Tag, um mehr zu wissen, um clever zu sein, um die Welt zu verstehen: Das müsste doch drinliegen!», meint er und fügt an: «Wir müssen dazu die richtigen Produkte anbieten». Deshalb brauche man mehr Informationen darüber, was der NZZ-Leser genau wolle - «welche Themen, welche Textlängen, wie viele Videos, welche Erzählformen». Daran forsche die NZZ, «und wir sind schon sehr viel weiter als vor wenigen Jahren».

Das ergebe ein Jahres-Abo von 1'800 Franken, rechnen die Journalisten mit und fragen, ob das realistisch ist? «Eine Anpassung nach oben ist sicher realistisch bei unserem Leistungs­paket. Fest steht: Die NZZ ist viel mehr wert, als es die heutigen Abopreise spiegeln. Kennen Sie Frédy Girardet, den Spitzenkoch? Bei ihm ass man zu meiner Uni-Zeit für 200 oder 300 Franken, und alle sagten, das sei verrückt. Heute gibt es viele Lokale mit solchen Preisen», vergleicht Jornod, der erst eine Drogistenlehre gemacht hat, fälschlicherweise ein heutiges Pricing-Modell mit demjenigen des 83-jährigen Michelinsterne-Kochs, der 1971 in Crissier sein Gourmetlokal eröffnet hat.

Auch ein Lehrer und viele andere Angestellten bräuchten doch eine gute Zeitung, verteidigt er seine Gedanken zu einem so hohen Preis. Und wieder müssen «die anderen Verlage» herhalten, die wie die NZZ bislang zu wenig mutig gewesen seien, um mehr Geld für Journalismus zu verlangen.

Mit der Corona-Pandemie ändere sich das nun, die vielen Leuten bewusst gemacht habe, «wie wichtig fundierte, überprüfte, sachliche Information ist», weshalb bei der NZZ auch die Abo-Zahlen in dieser Zeit stark gestiegen sind. Sein Ziel sind 400’000 Abonnements, «deutlich mehr als heute», stellt er fest. «Die Kunden hierfür ­finden wir nicht allein in der Schweiz. Darum Deutschland».

Beim Österreich-Engagement habe man Fehler gemacht und daraus gelernt. «Wie viele Leute haben uns wegen Österreich ­ausgelacht, wie viele hämische Artikel wurden darüber geschrieben! Wenn wir in der Schweiz eine solche Kultur haben, kommen wir nicht weiter», weist der in der Pharma-Branche auch als «Pilleli-Dealer» benannte Jornod die Schuld vorsorglich schon einmal auf andere.

«Ohne Fehler kein Unternehmertum, keine Innovation. Wichtig ist, sofort zu korrigieren», sagt der versierte Finanzmanager, der die Pharmasparte Vifor 2017 von Galenica abspaltete und an die mit einigen Nebengeräuschen an die Börse brachte.

Im Interview wird gegen Ende des Textes auch Jornods neues Engagement bezüglich seiner Übernahme der OM Pharma, die von Vifor abgespaltet wurde, ausgiebig erwähnt. Das Volumen der Firmenübernahme wird auf über 400 Millionen Franken geschätzt. «Ich will daraus ein grosses Unternehmen machen. Es ist auf dem Gebiet der Infektions- und Gefässkrankheiten ­tätig. Das ist sehr vielversprechend», darf er sich im letzten Teil lang und breit den ihn in diesem Bereich bewundernden beiden Journalisten gegenüber äussern. Bei Vifor ist Etienne Jornod erst im März ausgestiegen.

Zum Österreich-Engagement von Veit Dengler meint er nur kurz und knapp: «In Österreich haben wir mit 20 Leuten viel zu gross begonnen, in Deutschland sind wir klein gestartet, inzwischen konnten wir auf zehn Journalisten aufstocken, vielleicht sind wir bald bei 20. Weil es funktioniert!», antwortet er wieder mit einem Ausrufesatz.

Und wenn das mit den Abos nicht funktioniere, fragen die beiden Journalisten eher im Auftrag ihres Verlegers Peter Wanner. «Könnten Sie sich eine Stiftung als langfristige Lösung vorstellen?»

«Nein. Unsere Strategie ist es, auf den Nutzermarkt zu setzen und somit auf ein Abo-Modell», sagt der 67-Jährige eher etwas trotzig, der zugeben muss, dass es keinen Plan B gebe. «Wir müssen und wir werden mit unserer Strategie Erfolg haben. CH Media hat ja eine ähnliche Strategie, und darum verstehen wir uns auch so gut: Wir glauben an journalistische Produkte. CH Media für das breite Publikum, die NZZ für einen etwas engeren Kreis. Beides ist richtig», so Jornod, der gleich wieder ein Narrativ von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer übernimmt, wenn es um die Frage der Annahme von Steuergeldern geht.

Gujer selber hat ja die Dämme schon brechen lassen und das verbale Terrain der Annahme von Staatsgeldern gelegt, sodass man gar nicht anders kann, wenn die anderen auch … ähnlich wie bei der Kurzarbeitsentschädigung.

Andreas Möckli und Patrik Müller drehen die Frage um: «Werden Sie Staatsgelder ablehnen?» Etienne Jornod: «Das wäre dumm, wenn die anderen das Geld nehmen. Aber Subventionen sind immer ungesund. Unsere Branche muss fähig sein, ihre Produkte zu verkaufen.»