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Montag
05.10.2020

Medien / Publizistik

Sollte es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen: «Wir würden das Geld annehmen», sagt Chefredaktor Eric Gujer über mögliche Medienförderungen des Bundesrates... (© Bild NZZ)

Bei der «Neuen Zürcher Zeitung» hat Ober-Schriftführer Eric Gujer das Blatt von drei auf zwei Bünde zusammengeschrumpft.

In der Samstagsausgabe spricht der Chefredaktor darüber, weshalb das für die Leserschaft besser sei: Eine kompakte Form mit 32 Seiten unter der Woche und am Samstag, die als Wochenendausgabe positioniert ist, 60 Seiten.

Eric Gujer will herrschen. Als sensibler rechtskonservativer Intellektueller verschanzt sich der Journalist aber an der Zürcher Falkenstrasse. Mit Mitarbeitenden reden, Fehlanzeige. Entweder hat er Rückenschmerzen oder schleicht sich in der Garage an den Leuten vorbei, um ja nicht Kontakt aufnehmen zu müssen. Die Corona-Pandemie ist für diesen Typus Mensch ein Segen: Kontakt nur über absolut kontrollierbare Kanäle wie Mails oder mal eine Video-Schalte, bei der schon aus technischen Gründen kein richtiger Diskurs aufkommen kann.

Nun wird zusammengestrichen und zusammengespart. Die Ausweitung der verschiedenen NZZ-Gratis-Newsletters, mittlerweile auf 24 Stück ausgeweitet, bringen nicht den gewünschten Erfolg, da sie in grossen Teilen auch verlegerisch schlecht in den Markt eingeführt worden sind. «Und das lesen Sie nur in der NZZ», «Das ist passiert», «Darum ist es wichtig», «Das ist der Hintergrund» und «So ordnen wir es ein» wird der Leserschaft permanent und viel zu viel mit angeblichen Alleinstellungsmerkmalen der NZZ in PR-Manier um den Kopf gehauen.

Aber: «Bei den Abos haben wir das Tal der Tränen überwunden», lässt sich Eric Gujer im persönlich.com zitieren. Im wahrscheinlich schriftlich geführten Frage-Antwort-Gespräch redet sich der Mann um Kopf und Kragen. Denn der ganze Text ist ein Sowohl ... als auch. Wenn nicht, dann anders … Oder eben umgekehrt.

Gujer: «Diese Zweibund-Zeitung wird sich ganz gut (bezüglich Papierqualität) anfühlen. Dieser Schritt ist, das kann ich offen sagen, auch eine Sparmassnahme» und «Wir wollen in den Bereichen, in denen wir ein Alleinstellungsmerkmal haben und Marktführer sind, keine Abstriche machen – also bei der Wirtschafts- und der Auslandberichterstattung», sagt er über den substanziellen Abbau in der Sportberichterstattung.

Vor wenigen Tagen hat der Ober-Schriftführer der NZZ aber den Wirtschafts-Ressortleiter Peter A. Fischer entmachtet und zum «Chefökonomen» der NZZ-Gruppe degradiert. Das Wirtschaftsteam um den Journalisten Peter A. Fischer ist international ein Alleinstellungsmerkmal der «Neuen Zürcher Zeitung».

Dann sondert Gujer wiederum das ab, dass die NZZ ihre «führende Stellung in der Wirtschaftsinformation ausbauen will, indem wir uns stärker überlegen, was wir wann, wo publizieren werden und in welcher Kadenz».

Auf die Frage, wie es sei, Kündigungen aussprechen zu müssen, antwortet Eric Gujer nicht mehr als Chef vom Ganzen, sondern als Firma: «Das ist natürlich keine erfreuliche Angelegenheit. Das fällt uns nie leicht, da wir ja mit den betroffenen Kolleginnen und Kollegen Tag für Tag zusammengearbeitet haben. Doch nun ist dies leider unausweichlich – auch coronabedingt.»

Auch Eric Gujer spielt die Corona-Pandemie in die Hände, der den Bezug der Kurzarbeit bereits in der Anfangsphase auch für die reiche NZZ-Gruppe verteidigte, da es sich ja um eine Versicherung, in die man einbezahlt habe, handle. Intern gab es massive Kritik zu dieser überliberalen und nicht stringenten Argumentation. Kein Wort von der gesetzgeberischen Absicht, Arbeitslosigkeit und Konkurse damit zu vermeiden.

Wenn nicht die seit 20 Jahren andauernde strukturelle Print-Krise in der Schweiz schuld ist, durch die zu wenig Werbung auf zu viel publizistisches Angebot verteilt werden muss, dann ist es eben das Virus.

Und dann macht Eric Gujer die NZZ-Kehrtwende seit 1780 bezüglich staatlicher Finanzierung von Medien. «Wir sind gegen einen Ausbau der Medienförderung. Aus liberaler Sicht sind Fördergelder grundsätzlich problematisch, denn sie führen zu einer Wettbewerbsverzerrung», argumentiert er rein aus wirtschaftlicher Sicht über die mögliche Medienförderung des Bundesrates.

Darüber, dass auch das Keystone-SDA-Abonnement der NZZ praktisch seit Beginn der Corona-Pandemie über den Staat finanziert wird, kein Wort. Diese Subventionen an 104 Redaktionen dürfte gemäss Iso Rechsteiner noch bis im Frühjahr 2021 anhalten, wie er im Gespräch mit dem Klein Report am Freitag erklärte. Das Förderungspaket sei auf maximal 10 Millionen Franken begrenzt, so der Keystone-SDA-Mediensprecher.

Eric Gujer weiter: «Ich glaube, dass der Journalismus auch ohne Geld vom Staat überleben wird. Vielleicht sind wir sogar jetzt schon an einem Kipppunkt angelangt, an dem die Leute realisieren, dass sich das Geschäft mit Journalismus wieder rechnen kann.»

Um dann die Kehrtwende zu vollziehen, mit der Antwort auf die Frage, dass in dem Fall die NZZ keine Medienfördergelder in Anspruch nähme? «Wir würden das Geld annehmen. Denn alles andere wäre ja dann auch wieder eine Wettbewerbsverzerrung.»

Und so ordnet es der Klein Report ein: «Das Ausblenden staatspolitischer Zusammenhänge und die Gewaltenteilung im Speziellen sind aus der bisherigen Position der NZZ eine Bankrotterklärung.»

Wie twitterte Eric Gujer nach der Ablehnung der Unternehmenssteuerreform III? «So sad».

Auch wenn es der Klein Report gut meinen möchte mit Journalisten, die unverhofft in Führungspositionen gekommen sind: Jetzt heisst es leider: «So sad, arme NZZ».