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Montag
08.03.2021

Medien / Publizistik

Gesprächsstoff für den Internationalen Frauentag am 8. März: Bei Tamedia herrsche «eine von Männern geprägte Betriebskultur» und Frauen würden benachteiligt...

«Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert.» Das ist nur einer von vielen Vorwürfen, der in einem gesalzenen offenen Brief steht, der von über 70 Journalistinnen unterzeichnet und an die Tamedia-Teppichetage geschickt wurde.

Gerade richtig zum Internationalen Frauentag haben die Männer von der Tamedia-Führungsriege dicke Post bekommen: «Wir wenden uns an Sie und Euch, weil uns die neuesten Entwicklungen im Unternehmen befremden», schreiben die unterzeichnenden Frauen an die Adressen von Tamedia-Geschäftsleiter Marco Boselli und Andreas Schaffner, Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser und an die Geschäftsleitung und Chefredaktion.

«Frauen werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt», verurteilen die Journalistinnen die Atmosphäre am Arbeitsplatz beim Zürcher Medienkonzern aufs Schärfste.

Bei Tamedia herrsche «eine von Männern geprägte Betriebskultur», die sich offenbar durch die Pandemie, Homeoffice und Videocalls «nochmals spürbar verschlechtert» habe. Männer seien auf den Redaktionen klar in der Überzahl und würden fast alle Schlüsselpositionen besetzen, gehen die happigen Vorwürfe im offenen Brief weiter.

Das Schreiben geistert seit Samstag auf Twitter herum und wurde von hunderten Accounts geteilt und kommentiert. Ursprünglich wurde der Brief am Freitag an die Adressaten verschickt und Jolanda Spiess-Hegglin zugespielt, wie die Netzaktivistin am Sonntag gegenüber dem Klein Report sagte. «Nach Absprache mit den Unterzeichnenden habe ich ihn ins Netz gestellt – und jetzt wissen es alle», erklärte Spiess-Hegglin auf Anfrage des Klein Reports.

Die 78 Journalistinnen verschaffen ihrem Ärger schriftlich Luft: «Männer geben vor, was angesehen und geschätzt ist. Männer steigen auf, wie sich etwa vergangene Woche beim Inland-Ressort gezeigt hat, Frauen werden übergangen. Für leitende Funktionen wurden kaum Frauen berücksichtigt.»

Ausserdem würden sogenannte «Frauenthemen» «unverhältnismässig hart kritisiert» und teilweise sogar «niedergemacht». Jüngstes Beispiel dafür sei die Berichterstattung über das 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts, wie die Frauen schreiben. Diese wurde wiederholt als «zu viel», «uninteressant» oder «no news» abgetan.

Der Umgangston sei «harsch»: «Frauen berichten von Beleidigungen durch Vorgesetzte, die von anderen Personen mit Cheffunktion entschuldigt und toleriert werden.» So habe etwa ein Mitglied der Chefredaktion einer Redaktorin gesagt, sie sei «überhaupt nicht belastbar» – nachdem sie sich mit einem professionellen Anliegen an ihn gewandt hatte.

Die Unterzeichnerinnen haben an den offenen Brief einen siebenseitigen Anhang mit weiteren Erlebnissen aus den Tamedia-Redaktionen hinzugefügt. Der Klein Report zitiert ausgewählte Beispiele daraus: «Du bist hübsch, du bringst es sicher noch zu was», «Man könnte meinen, dass wir unsere Leute wegen ihres Aussehens anstellen» oder «Du sollst es nicht anders machen als die Männer. Du musst es besser machen».

Weitere Beispiele zeigen, dass Frauen unsichtbar gemacht werden: So wird berichtet, dass «Männerbünde» an Video-Sitzungen «Überhand nehmen» würden. Dabei würden Inputs und Vorschläge von Kolleginnen «ignoriert».

Im Brief ist auch die Rede davon, dass Geschichten von Journalistinnen verhindert werden. Bei sogenannt «frauenspezifischen Geschichten» komme beispielweise immer wieder die Frage: «Was ist die News?», «Was ist die Geschichte?». Ein anderes Mal sei eine Geschichte zu 50 Jahre Frauenstimmrecht rausgeflogen – mit dem Argument, dass der Vorgesetzte das nicht wolle, weil man schon zu viel zu diesem Thema habe.

Auch in Lohnfragen werden Frauen bei Tamedia anscheinend benachteiligt: Eine Frau schreibt, dass sie mehrmals erlebt habe, dass neu eingestellte jüngere Männer bei gleichen Qualifikationen «massiv mehr verdienen» würden. Auf ihre wiederholte Forderung nach mehr Lohn sei bis heute nicht eingegangen worden. Begründung: «Es fehle am Geld».

Die Journalistinnen betonen, dass die Probleme «strukturell» seien und dass es aus diesen Gründen zu einer ganzen Reihe von Kündigungen gekommen sei. «Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen», drohen die Frauen und stellen einen Forderungskatalog auf.

Darin wird unter anderem gefordert, dass die Beleidigungen und Beschimpfungen aufhören, bei Besetzung aller Positionen gezielt nach Frauen gesucht und Frauen gefördert werden. Ausserdem soll bei Fällen von Mobbing, sexueller Belästigung, Stalking oder Hassnachrichten ein «standardisiertes Verfahren» mit psychologischer Betreuung eingerichtet werden.

Viele dieser Forderungen sind schon im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert worden, erinnern die Unterzeichnerinnen ihre männlichen Vorgesetzten. «Sie sind in den vergangenen eineinhalb Jahren noch dringlicher geworden.»

Zum Schluss spielen sie den Ball an die Führungsetage: «Wir erwarten bis zum 1. Mai 2021 konkrete Vorschläge zur Umsetzung unserer Forderungen. Ausserdem erwarten wir, dass die detaillierte Überprüfung des Betriebsklimas bis Anfang 2022 transparent gemacht und gegebenenfalls weitere Korrekturen vorgenommen werden.»

Mit «freundlichen Grüssen» unterschreiben 78 Tamedia-Journalistinnen den gepfefferten Brief mit dem brisanten Inhalt. Ihre Signatur hinterlassen haben unter anderem Salome Müller, Annik Hosmann, Catherine Boss, Sara Belgeri, Alexandra Kedves, Tina Fassbind, Lisa Aeschlimann, Simone Rau, Sascha Britsko, Stephanie Caminada oder Claudia Blumer.