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Dienstag
24.03.2020

Medien / Publizistik

«Wir nehmen mit Befremden zur Kenntnis, dass die Personalkommissionen (Pekos) im Vorfeld nicht mit einbezogen und lediglich eine Stunde vor der Groko vorinformiert wurden», heisst es im offenen Brief...

Das ramponierte, von Misstrauen geprägte Verhältnis zwischen der Belegschaft und der Führungsetage von Tamedia hat sich weiter zugespitzt: Grund dafür ist die Einführung von Kurzarbeit, mit der das Personal am letzten Freitag überrascht wurde.

In einem offenen Brief an Marco Boselli und Andreas Schaffner, die beiden Co-Geschäftsführer von Tamedia, sowie Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der TX Group, kritisiert die Belegschaft das hastige Vorgehen des Managements.

«Wir nehmen mit Befremden zur Kenntnis, dass die Personalkommissionen (Pekos) im Vorfeld nicht miteinbezogen und lediglich eine Stunde vor der Groko vorinformiert wurden», heisst es im Schreiben, das am Montag verschickt wurde.

Namentlich gekennzeichnet wurde der offene Brief von den Präsidentinnen und Präsidenten der Pekos: Markus Dütschler und Jürg Steiner («Bund»/«Berner Zeitung»), Thomas Hasler («Tages-Anzeiger»), Andrea Fischer (Tamedia Mantel-Redaktion), Pascal Jäggi {Zürcher Regionalzeitungen) sowie Silvana Iannetta und Nicole Philipp (Tamedia Editorial Services).

«Absolut unverständlich ist für uns ebenso, dass in einem Moment, in dem es ja scheinbar um nichts weniger als die Zukunft von Tamedia geht, die Unternehmensleitung sich nicht vor die Belegschaft stellt», steht weiter im Text zuhanden der Tamedia-Manager.

Die Vorgehensweise der Führungsetage sorge beim Personal für «Verwirrung und Verunsicherung». Denn viele Fragen der Mitarbeitenden seien noch offen und selbst an der kurzfristig einberufenen Groko nicht befriedigend beantwortet worden.

So sei der Umfang der Kurzarbeit der Belegschaft nicht klar kommuniziert worden: Zunächst sei die Rede gewesen von einer Pensenreduktion von zehn Prozent. Im Verlaufe des Wochenendes seien dann aber «bereits einzelne Mitarbeitende von ihren Vorgesetzten angerufen und mit der Erwartung konfrontiert worden, zu noch grösseren Zugeständnissen bezüglich ihrer Arbeitszeit bereit zu sein».

Unter der schlechten Information leidet nun die Glaubwürdigkeit der Geschäftsleitung. Und die Aufopferungsbereitschaft des Personals droht überstrapaziert zu werden.

Im Schreiben steht dazu: «Wir erinnern daran, dass die Entlassungswellen in den vergangenen Jahren – von denen es einige gegeben hat – jedesmal mit der gefährdeten Existenz des Unternehmens Tamedia begründet worden sind. Und jedesmal hat die Tamedia danach erkleckliche Gewinne verzeichnet.»

Anders als es Kurzarbeit voraussetze, könne von weniger Arbeit derzeit ohnehin keine Rede sein. «Im Gegenteil: Auf den Redaktionen und in der Produktion gibt es derzeit nicht weniger zu tun – in manchen Bereichen gar mehr, zumal der Bedarf der Bevölkerung nach aktuellen Informationen sehr gross ist.»

Auch bei den Tamedia-Mitarbeitenden ist das Informationsbedürfnis gross: Im offenen Brief fordern die Peko-Präsidentinnen und Präsidenten, dass sich «mindestens der Vorsitzende des Verwaltungsrates und der Finanzchef in einer möglichst umgehend einzuberufenden Konferenz den Fragen der Belegschaft stellen.» Die Geschäftsleitung solle aufzeigen, «wo und in welchem Ausmass weniger Arbeit anfällt, wie es die Kurzarbeit voraussetzt».

Und schliesslich wird erwartet, dass die Mitarbeitenden nicht die alleinigen Leidtragenden der Coronakrise sind. Von der Tamedia-Führung wird verlangt, «dass sie öffentlich erklärt, welchen finanziellen Sparbeitrag sie persönlich in dieser Krise, die offenbar an den Grundfesten von Tamedia rüttelt, zu leisten entschieden hat – etwa mit dem Verzicht auf Boni. Wir erwarten zudem, dass auch die Aktionäre in Form einer massiv gekürzten Dividende 2020 zur finanziellen Stabilisierung des Unternehmens beitragen.»