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Montag
23.03.2020

Werbung

«Politiker sollen den Mut aufbringen, die Produkte selbst in Frage zu stellen», sagt Ursula Gamper.

Nach einem Jahrzehnt als Geschäftsleiterin hat Ursula Gamper Ende Februar den Verband Kommunikation Schweiz (KS/CS) verlassen. Im Gespräch mit dem Klein Report äussert sie sich zur neuen «Strategie der Einmischung» und blickt zurück auf ihre vierzig Jahre in der Schweizer Werbebranche.

Wenn Sie nach Ihren zehn Jahren bei KS/CS eine Bilanz wagen: Wo steht der Verband heute?
Ursula Gamper: «Der Verband braucht eine starke Anbindung an das politische Geschehen in diesem Land. Er muss sich härter und verstärkt einmischen und die Interessen seiner Mitglieder wahrnehmen. Dazu braucht es nicht nur eine gut funktionierende klassische Verbandsarbeit, sondern KS/CS muss sich direkt in das Geschehen einmischen, mitreden und mitdiskutieren. Dazu hat das Verbandspräsidium bereits vor einem Jahr entschieden, die Strategie stringenter auf dieses Ziel auszurichten.»

Im Herbst 2019, als Sarah-Lee Kellers Einstellung kommuniziert wurde, hiess es noch, dass Sie weiterhin für KS/CS aktiv bleiben werden. Nun verlassen Sie doch den Verband, weshalb?
Gamper
: «Drei Gründe: Erstens, die politische Einmischung habe ich mit unserem Präsidenten, Filippo Lombardi, angekurbelt und diese muss jetzt strategisch, aber auch operativ umgesetzt werden. Zweitens, ein Dachverband wie KS/CS benötigt dazu Ressourcen, die wir in der bisherigen Konstellation nicht anbieten konnten. Und drittens: Wenn die politische Speerspitze, die wir angestrebt haben, funktionieren soll, benötigt sie eine entsprechende Abwicklung der administrativen Geschäfte im Hintergrund. Nur diese Funktion wahrzunehmen, bot mir zu wenig Herausforderung, da ich mir gewohnt bin, tagtäglich auf vielen Feldern aktiv zu sein und nicht im Hintergrund zu wirken.»

Sie stiegen 1979 bei Marsden Hartmann FCB in die Werbebranche ein, später arbeiteten sie für die Werbeagenturen Pucci Sulzer und Publicis, zuletzt als Brand Director, sowie für die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) als Leiterin der Marketingkommunikation. Was waren aus ihrer Sicht die markantesten Veränderungen in der Werbung in diesen vier Jahrzehnten?
Gamper
: «Die Akzeptanz und Glaubwürdigkeit von kreativer Werbung der 80er-Jahre mit der heutigen Zeit zu vergleichen, ist fast nicht möglich. Der Konsument hat sich emanzipiert und will nicht nur witzige und unterhaltsame Kampagnen sehen, sondern auch spüren, dass die Unternehmen ihre Verantwortung wahrnehmen und Versprechen umsetzen...»

...zum Beispiel?
Ursula Gamper
: «Eine Imageänderung bei den VBZ ist uns gelungen, da Ruf Lanz auf gekonnt charmante und kluge Art den Slogan ‘Umsteigen lohnt sich’ mit den entsprechenden Kampagnen begleitet hat, die nicht nur öV-Benutzer, sondern eben auch Nicht-Nutzer auf sympathische Art dazu gebracht hat, diese Idee des Umsteigens ideell zu unterstützen. Dies konnten wir bei den VBZ mittels einer qualitativen Erhebung ein paar Jahre nach Einführung der Kampagne mit Zahlen und Fakten beweisen. So und nur so funktioniert gute kommerzielle Kommunikation.»

Und woran scheitert sie?
Gamper
: «Es gibt zum Beispiel internationale Auftraggeber, deren Entscheidungsgremien derart viele Stufen mitbringen, dass eine gute und nachvollziehbare Idee, nach Durchlaufen dieser Gremien, nur noch als leeres Weichspülmittel ohne Geschmack daherkommen - schade um das Engagement, dass viele begabte Kreative und ganze Abteilungen seitens Werbeauftraggeber und Agenturen vergebens in diese Kampagnen investiert haben.»

Wie war 2009, als Sie bei KS/CS einstigen, der Wechsel aus der Werbung in die Verbandsarbeit?
Gamper
: «Das war für mich eine folgerichtige Weiterführung meiner ureigenen Überzeugungen. Ohne freie Marktwirtschaft keine Demokratie. Also arbeitete ich dann dafür, dass diese freie Marktwirtschaft bestehen bleibt. In einem Land wie der Schweiz denkt man ja, das sei doch klar, einfach und für jeden frei denkenden Menschen nachvollziehbar. Das war aber gar nicht so, wie ich sehr rasch lernen sollte.»

Was entgegnen Sie Politikern, die Probleme wie Alkoholsucht, Fettleibigkeit oder Verschuldung durch Konsumkredite mit Werbeverboten bekämpfen wollen?
Gamper
: «Sie sollen den Mut aufbringen, die Produkte selbst in Frage zu stellen und nicht unter dem Mäntelchen ‘den Konsumenten zu schützen’ so tun, als ob kommerzielle Kommunikation tatsächlich einen einschneidenden Einfluss auf Konsumgewohnheiten und Angebot haben könnten. Ein Produkt selbst in Frage zu stellen, ist jedoch bei uns in der Schweiz kaum üblich und möglich, was auch Sinn macht, da wir eben frei darin sind, uns zu entscheiden - ob nun für Konsumkredite oder Alkohol. Ganz egal. Wir leben in einem freien Staat und in einer freien Marktwirtschaft. Deshalb müssen wir uns ja genau diesen Fragen stellen und Entscheidungen selbstverantwortlich wahrnehmen. Zum grossen Glück. Es gibt wenige Staaten, die diese grosse Freiheit überhaupt nur im Ansatz bieten.»

Welche Herausforderungen kommen aus Ihrer Sicht in den nächsten zehn Jahren auf die Werbebranche zu?
Gamper
: «Schauen Sie genau hin, was die Gesundheitsstrategie 2030 des BAG und des Bundes für uns für Auswirkungen haben könnte. Wird es noch Werbekampagnen für Produkte mit Zucker, Salz oder Fett geben? Werden wir etwa in ein paar Jahren nicht mal mehr für Fleisch werben dürfen? Darf ich als Konsument dann überhaupt noch selbst entscheiden, was ich wo kaufe und konsumiere und ob ich mir auch mal ein Genussmittel leiste, bei dem ich bewusst ein Risiko in Kauf nehme - und es darum gleich doppelt geniesse?»

Und für Sie persönlich, was sind die nächsten Schritte?
Ursula Gamper
: «Meine berufliche Zukunft wird sich an Gelegenheiten und Möglichkeiten orientieren, die die grosse Erfahrung, die ich bei KS/CS, aber auch aus früheren Tätigkeiten gewinnen durfte, bei neuen Unternehmen einbringen darf. Darauf freue ich mich und bin gespannt, wo es mich hinführen wird.»