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Montag
30.4.2018

TV / Radio

Von Bern an den Zürcher Hauptsitz /©Alessio

Das Schweizer Radio und Fernsehen will den Berner Standort auflösen, nach Zürich ziehen und 100 Millionen sparen, wie der Klein Report berichtete.

Die Medienexpertin Regula Stämpfli über den Züri-Coup der SRG, der das Potenzial hat, nicht nur Bern, sondern die ganze Schweiz zu erschüttern.

Die «No Billag»-Initianten verfolgten die Idee, alles Öffentlich-Rechtliche zu zerschlagen: Die SRG war in deren Augen nur ein erster Schritt der permanenten Privatisierungsrevolution. Das wuchtige Nein zu «No Billag» bedeutete diesbezüglich einen abrupten Boxenstopp.

Das Nein war aber kein Blankocheck für ein «Weiter so» punkto Abzockerei, Monopolposition, Medienkonzentration und Wettbewerbsverzerrung für die SRG. Das Abstimmungsresultat war so einfach wie klar: Der Service public der Schweiz soll auf föderalistischer, regionaler und thematisch vielfältiger Basis weiter bestehen. Nicht mehr, nicht weniger. Regionen, Regionen, Regionen, Vielfalt und die Idee des Öffentlich-Rechtlichen gewannen.

Deshalb jubelten die Regionen, die Linke, die Gewerkschaften und ein paar Jungliberale am 4. März 2018. Die im Abstimmungskampf beschworene heile SRG-Schweiz war gerettet.

Doch hoppla. Was passiert seitdem? Der Einsatz vor allem der gewerkschaftlichen und regionalen Kräfte für die SRG wird mit flächendeckendem Blocher-TV (SVP überall online, «10vor10», «Tagesschau», bei Schawinski) honoriert. Nach mehreren kommunalen Wahlen im Kanton Zürich war von Vielfalt, journalistischer Qualität und Föderalismus auf SRF nichts zu finden.

Der «Blick» titelte denn auch am 17. April 2018 folgerichtig: «Cédric Wermuth wettert über Blocher-Gala von SRF.» Ebenso profiliert sich seit der Abstimmung das SRF-Onlineportal noch stärker als zuvor im Stile der Gratiszeitung «20 Minuten»: Porno, Skandal, Sport. Der Klein Report hat auch schon darüber berichtet.

Auch störend und häufig: Die Gratiswerbung für SRF-Mitarbeitende. Das Buch von «Sternstunde Philosophie»-Moderatorin Barbara Bleisch «Warum wir unseren Eltern nichts schulden», das im Wesentlichen dafür plädiert, sämtliche menschlichen Beziehungen als Kauf- und Verkaufsakt zu betrachten, wird im Sachbuch-Quartett SRF beworben, ohne dass gerade bei einem derart stark ideologisch gefärbten Buch irgendeine Gegenposition zur Sprache käme (siehe «Weltwoche»-Rezension).

All diese Vorgänge widerspiegeln eins zu eins die Kritik der «No Billag»-Initianten während der Abstimmung: Wettbewerbsvorzüge, Arroganz gegenüber Andersdenkenden, Trivialisierung und Monopolisierung öffentlich-rechtlicher Information.

Hier ist strukturell mächtig was faul.

Als wäre dies nicht schlimm genug, platzt eine neue Bombe: Die Berner Studios sollen weg. Damit wird alles weggefegt, das im Abstimmungskampf für die SRG sprach. Die Radiostudios in Bern produzieren unter anderem Sendungen wie «Echo der Zeit», «Rendez-Vous» oder das «Tagesgespräch». Es waren vor allem diese Gefässe, die im Abstimmungskampf gegen «No Billag» eingesetzt wurden. Prominent platziert in der Nein-Kampagne waren auch Kultur, Film und Regionen: Die typische schweizerische Vielfalt eben. Von Zürich war nur ganz wenig die Rede.

Doch was plant die SRG? Richtig: Die Reduktion der föderalistischen (Deutsch-)Schweiz auf exakt einen Kanton: Zürich. Es soll - ausgerechnet für die Information - der Moloch «Tele-Radio-Leutschenbach» entstehen. Damit ist nicht nur journalistischer Einheitsbrei geplant, sondern auch die Vervielfachung der jetzt schon übermässig bespielten Zürich-Schweiz-Skandal-Polit-Hypes. Mehr Medien-Hyperrealität gibt es nicht: Statt Informationen zu liefern, beobachten sich die Beobachter vor allem selber und vor allem nur noch von einem Standort aus: Zürich. Dies bringt nicht nur ein Zürich-Medienmonopol, sondern Inszenierung statt Information. 

Lis Borner, die langjährige, aber in dieser Position vor allem eher unauffällig amtierende Chefredaktorin von Radio SRF, hat nicht nur in Bern studiert, wohnt seit Jahrzehnten in Bern und hat nur dank Berner Kontakten in den 1980er-Jahren überhaupt im Sekretariat des «Echo der Zeit» ihre Karriere starten können. Deshalb erstaunt es dreifach, dass die oberste Radiochefin die Medienkonzentration auf Zürich verteidigt, wie sie es unter anderem auch im Interview mit dem Klein Report getan hat: «Ich spare lieber bei den Mauern als bei den Menschen.»

Klingt gut, ist aber ein dreistes «Wahrlügen» - so nennt Hannah Arendt die Taktik, Teilwahrheiten zwecks Ablenkung vom wirklichen Thema zu verpacken. Es geht nämlich nicht um die Frage «Immobilien oder Menschen», sondern um den Service public, regionale Verwurzelung, journalistische Qualität, Demokratie Schweiz, politische Vielfalt und Unabhängigkeit.

Deshalb ist die Dreistigkeit der SRG und der SRF-Medienmanagerinnen, die Information, Politik und alle News in ein Zürcher Medienmonopol zu stecken, erschütternd und steht diametral zum schweizerischen Föderalismus.

Höchste Zeit, dass sich in dieser Frage die Politik mit der Hauptstadt Bern und nicht zuletzt auch die Wirtschaftsförderung der Regionen einschalten. Denn bei einem Umzug Bern-Zürich fällt das Argument, die SRG sei ein Stück Schweiz und damit Service public, sehr augenfällig weg.