Content:

Donnerstag
26.04.2018

Medien / Publizistik

Lis Borner muss sparen (© SRF/Wyttenach)

Das Personal an der Schwarztorstrasse in Bern wehrt sich gegen einen möglichen Umzug der Radioredaktion nach Zürich.

Die Chefredaktorin von Radio SRF, Lis Borner, sagt im Interview mit dem Klein Report, weshalb sie nicht glaubt, dass die Radioabteilung Information im Leutschenbach untergehen wird.

Frau Borner, insgesamt muss die SRG 100 Millionen Franken sparen. Haben Sie für Ihren Bereich bereits einen konkreten Sparauftrag erhalten?
Lis Borner: «Zurzeit laufen überall bei der SRG und bei allen Unternehmenseinheiten in der deutsch-, rätoromanisch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz Abklärungen, wo gespart werden könnte. Alle werden ihren Teil dazu beitragen müssen, die 100 Millionen zu finden, die die Generaldirektion als Finanzierungsziele definiert hat. Genaue Beträge sind noch nicht definitiv festgelegt.»

Können Sie schon ungefähr sagen, wie viel die SRG sparen würde, wenn das Radiostudio Bern tatsächlich nach Zürich disloziert würde?
Borner: «Es gibt erste grobe Schätzungen, aber noch keine verbindlichen Zahlen. Das effektive Sparpotenzial ist Bestandteil der nun laufenden Abklärungen und der Machbarkeitsstudie.»

Ist es realistisch, dass Sie bis im Juni alle nötigen Berechnungen beisammenhaben? Ein Umzug dieser Grössenordnung erfordert ja sehr viele Abklärungen.
Borner: «Unsere Immobilien- und Finanzleute sind am Rechnen. Ende Juni werden die GL-SRG und der SRG-Verwaltungsrat erste Berechnung vorliegen haben. Dort fallen die ersten Entscheide.»

Ist es so, dass Sie tatsächlich über keinen Plan B verfügen? Das heisst, prüfen Sie nur die Möglichkeit, nach Zürich zu ziehen, oder suchen Sie auch nach weiteren Möglichkeiten, den Sparauftrag der SRG umzusetzen?
Borner: «Wie bereits zu Beginn gesagt, die Standortüberprüfung Bern ist nur eine der möglichen Massnahmen zur Einsparung von insgesamt 100 Millionen Franken innerhalb der SRG. Entschieden ist noch nichts.»

Wie haben Sie auf die eingereichte Petition Ihrer Abteilung reagiert? Inzwischen haben die Petition über 170 Personen unterschrieben. Das ist ja ein enormer Widerstand. Auch viele Mitarbeitende, die in Zürich leben, haben die Petition unterschrieben.
Borner: «Wir haben in der Chefredaktion die Bedenken der Unterzeichnenden sehr genau gelesen. Und ich habe die Passagen, die sich an mich gerichtet haben, offen beantwortet. Gleichzeitig haben wir uns letzte Woche in zwei Veranstaltungen den Fragen von unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gestellt. Wir haben das Vorgehen bei der Standortüberprüfung erklärt. Und wir haben aufzuzeigen versucht, dass die räumliche Nähe zu Online, den Radios und der TV-Info auch Vorteile haben könnte.»

Haben Sie Verständnis für die Ängste Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?
Borner: «Ja natürlich. Die Vorstellung, das Arbeitsumfeld so radikal zu verändern, macht Angst. Ebenso der möglicherweise lange Arbeitsweg. Auch die Sicherung der Themen- und Perspektivenvielfalt ist ein Punkt, der sehr genau bedacht werden müsste, falls der Umzug tatsächlich stattfinden würde.»

Offenbar sagten Sie an der Aussprache letzte Woche, dass Sie nicht glauben, dass die Radioredaktion neben den Fernseh- und Online-Kollegen im Leutschenbach untergehen wird. Weshalb denken Sie, dass die Radioabteilung Information ihre Selbständigkeit in Zürich behalten wird?
Borner: «Erstens bin ich von der Kompetenz und der Überzeugungskraft der Radio-Info-Leute überzeugt. Zweitens ist in keinem der Szenarien geplant, die Abteilungen und Redaktionen von Radio und Fernsehen zu fusionieren - im Interesse der Themen- und Perspektivenvielfalt. Und drittens wären zusätzlich zu den Radio-Info-Redaktionen auch noch die Kollegen und Kolleginnen der Radioprogramme SRF 1, SRF 3, und Musikwelle ebenfalls am Leutschenbach. Das TV-Online-Studio Leutschenbach würde so zum Campus Leutschenbach mit Radio, TV, Online.»

Falls Ihre Abteilung ins Leutschenbach zieht, würden die Radioleute aber in drei verschiedenen Gebäuden untergebracht. Die Mitarbeitenden müssen dann also weiterhin miteinander per Telefon kommunizieren. Das heisst, die Moderatoren sind wie heute nicht in direktem Kontakt mit den Redaktorinnen und Redaktoren. Radio SRF wird in Zürich also nicht näher zusammenrücken. Wäre das aber nicht ein Hauptargument für einen Umzug nach Zürich Seebach?
Borner: «Die Szenarien - welche Redaktionen wo angesiedelt werden würden - sind ja erst im Entstehen. Die Projektgruppe versucht zu definieren, wer mit wem wie oft zusammenarbeiten muss, um so zu evaluieren, wo die Redaktionen vernünftigerweise platziert werden müssten.»

Ihr Team stört es, dass Sie sich als Chefredaktorin überhaupt nicht für den Standort Bern einzusetzen scheinen. Betrachten Sie die Züglete als eine gute Lösung für das gesamte Radio?
Borner: «Als Person bin ich sehr in Bern und mit dem Studio verbunden. Als Chefredaktorin zählt meine persönliche Befindlichkeit nicht. Es ist meine Aufgabe, vorauszudenken und zu überlegen, wie wir Radioqualität sichern und die Attraktivität unserer digitalen Angebote erhöhen könnten. Ich könnte mir vorstellen, dass die räumliche Nähe für die Weiterentwicklung von Radio, Online und TV förderlich sein könnte. Und: Da Inhalte von Leuten gemacht werden, spare ich im Zweifelsfall lieber bei den Immobilien.»

Was sagen Sie zu den Reaktionen auf die Umzugspläne, welche die Parteien und die Wirtschaft bisher gezeigt haben?
Borner: «Medienpolitisch ist der Widerstand am Standort Bern nachvollziehbar. Fakt ist einfach, die SRG muss 100 Millionen sparen, und ich kann es nur wiederholen: Ich spare lieber bei den Mauern als bei den Menschen.»