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Mittwoch
7.9.2016

Medien / Publizistik

Sex genügt nicht mehr - Porn muss her

«Sex sells» war gestern, Porn ist heute, Schlachtbank morgen. Nein, Klein-Report-Kolumnistin Regula Stämpfli redet nicht über Marquis de Sade, sondern über aktuelle Werbe- und Onlineauftritte: Diesmal SRF und True Fruits.

SRF Online brachte vorletzten Sonntag - neben flächendeckender Schwingerbeilage - ein Exklusivinterview zum zehnjährigen Youporn-Geburtstag. Roger de Weck mag dies als sinnvolle öffentlich-rechtliche Investition betrachten, doch eigentlich ist das SRF-Online-Portal eher für die Promotion der eigenen Doks, Talks und Produktionen gedacht. Tja: Jedem Direktor sei aber Präferenzen für die Verwendung von Billag-Geldern gegönnt, nicht wahr?

Punkto Pornografisierung aller Medien ist indessen SRF ein kleines Häppchen im Vergleich zu True Fruits. Die Säftefirma übertrifft sich bei jeder neuen Werbekampagne pornomässig enorm. In mehreren deutschen Städten hängen überlebensgrosse Plakate mit Slogans wie: «Oralverzehr - schneller kommst Du nicht zum Samenerguss» oder neben der Abbildung zweier Saftfläschchen: «Zwei perfekte Samenspender» oder «Bei Samenstau schütteln».

Die einen freuts, die anderen stört es - die Firmeneigner lieben jede Berichterstattung, egal welche. Aufmerksamkeit ist Geld und True Fruits hat dies geschafft. In einem Interview schwärmt Firmengründer Lecloux vom «zäh fliessenden Verkehr» und «Oralverzehr», der frühmorgens fit macht. #Einhornkotze ist auch True Fruits: Deshalb hat die Firma 2013 auch den «Querdenker-Award für herausragende Ideen und Innovationen» gewonnen.

True Fruits kopiert damit den genialen Erfolg von Red Bull. Doch während der Unternehmer Dietrich Mateschitz beim Selling auf Sport und Kultur setzt, laufen bei True Fruits ausschliesslich Lusttropfen und Sex.

Lachen oder schreien? Eher ein Aufruf zur philosophischen Debatte. Medien bilden die Welt ab und formen sie. Was SRF Online und True Fruits Business nennen, ist in Wahrheit Weltbild. Aber bumsen, saufen, scheissen, fressen und schlafen sollte eigentlich privaten Unternehmen vorbehalten sein und Privatpersonen, nicht aber von Medienabgaben finanziert werden.

Für kluge Medientheoretikerinnen und -theoretiker gilt zudem: «Samenstau» ist schon längst kein biologisches Phänomen oder ein Werbegag mehr, sondern ein philosophisches Traktat.