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Montag
18.10.2021

Medien / Publizistik

«Frida» sieht seine Chance im Kleinen: «Die grossen Zeitungen konzentrieren sich ausschliesslich auf die grossen Kulturhäuser», sagt Mitgründer Mathias Balzer. (Bild zVg)

Ein kleiner Verlag aus Chur bringt ein neues Kulturmagazin auf den Markt: «Frida» soll im März online gehen. Die Macher wollen die journalistischen Lücken füllen, welche die Sparrunden bei den grossen Zeitungen hinterlassen haben.

«Den vergangenen Sommer haben wir für Recherchereisen genutzt. In zahllosen Gesprächen mit Menschen aus dem Medien- und dem Kulturbereich hat sich gezeigt, dass es neue Impulse im Kulturjournalismus braucht», sagt Mathias Balzer auf Anfrage des Klein Reports.

Eigentlich sei das geplante Kulturmagazin eine «family affair», sagt Balzer: Neben ihm als Redaktionsverantwortlichem – er hat je fünf Jahre bei «bz Basel» und «Südostschweiz» im Kulturessort gearbeitet – besorgt seine Partnerin Brigitte Balzer die Geschäftsführung. Und die erwachsene Tochter Katharina Balzer wirkt als «Œil exterieur» mit, während Sohn Luis Balzer für Art Direction und Social Media verantwortlich ist.

Balzer ist zudem mit Freien im Gespräch, Namen will er aber noch nicht verraten. Ausserdem ist da noch Richi Brändli, der sich um Marketing und die IT kümmert, und Avi Sliman für Fotos, Videos und Streaming. 

Am 15. Oktober hat das Balzer-Team ein Crowdfunding gestartet. Wenn alles wie am Schnürchen läuft, geht ihr Kind im März ans Netz.

Der Kulturbegriff, den «Frieda» bedienen soll, ist denkbar weit. Die Themenpalette soll neben den üblichen Kultursparten auch «Themen der Zeit» umfassen, also zum Beispiel Klimawandel oder Fragen der Gleichberechtigung.

«Wir sind zwar online, aber kein News-Ticker», so Mathias Balzer. Die Abonnenten und Abonenntinnen erhalten für 96 Franken im Jahr mindestens 96-mal gehaltvolles Lesefutter geboten. «Als Onlinemedium wollen wir aber durchaus auch gutes ‚Kurzfutter‘ präsentieren. Oft ist ja gerade auf dem verbreitetsten Lesegerät, dem Handy, die kurze Form diejenige, die dann wirklich gelesen, gehört oder gesehen wird.»

Wenn die Verlage die Sparschraube anziehen, läuft das Kulturressort regelmässig Gefahr, noch weiter in die Nice-to-have-Ecke gedrängt zu werden. So zum Beispiel im letzten Jahr bei Tamedia: Nachdem das Medienhaus das Super-Ressort «Leben» erfunden hatte, prophezeite das Zürcher Sogar Theater, dass die Berichterstattung über Kulturevents schleichend abgebaut werde, und forderte ein Moratorium für die Verkümmerung des Feuilletons. Der Klein Report berichtete.

Noch keine zwei Monate ist es her, da hat das Zürcher Forschungszentrum für Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) diesen Schlamassel den Schweizer Medienhäusern mit akademischen Glacéhandschuhen bescheinigt: Ihre Kulturberichterstattung sei zwar durchaus «intakt», aber eben auch «gefährdet».

Hier wittert der Churer Familienverlag seine Chance. In der Kulturberichterstattung gebe es in Zürich ein «klaffendes Loch», akuter noch als etwa in Basel. «Die grossen Zeitungen konzentrieren sich ausschliesslich auf die grossen Kulturhäuser. Und auch da immer mehr nur auf Projekte, die sogenannt nationale Ausstrahlung haben. Das ist natürlich den nationalen Klickzahlen geschuldet.»

Das Einsehen hätten die Kleinen, die Subkultur, die Impulse von den Rändern: «Veranstalter und Künstler klagen darüber, dass ihre Arbeit überhaupt keine mediale Spiegelung mehr erfährt, ausser den Vorberichten im ‚Züri-Tipp‘», sagt Mathias Balzer, der vor seinem Wechsel 2012 in den Kulturjournalismus unter anderem als Dramaturg und Programmleiter im Theater- und Eventbereich gearbeitet hat. 

Für ihn ist klar, dass es nicht nur wieder mehr kleinteilige Berichterstattung braucht, sondern auch andere Formen: «Der Kulturjournalismus braucht neue Ideen, die Entwicklung neuer Formate, damit gerade das junge Publikum nicht abgehängt wird.» «Frida» soll auch Platz bieten für «journalistische Experimente».

Wer «Kulturjournalismus» hört, denkt schnell ans «Feuilleton» der eigenen Stammzeitung und dann vielleicht noch ans noble «Du», an die St. Galler «Saiten» oder mit etwas Glück an «041» in Luzern. Dann ist bald einmal Ende Gelände.

Doch auf diesem oft kleingeredeten und totgesagten Nischenmarkt wird sehr viel mehr feilgeboten, als einem auf Abruf in den Sinn kommt. Die kulturjournalistische Dynamik ist beachtlich. Laut Lukas Vogelsang, der in Bern das Kulturmagazin «Ensuite» verlegt, gibt es in der Schweiz derzeit «etwa 40 Kulturmedienerzeugnisse», die sich zu 100 Prozent nur mit Kultur befassen – und die in der erwähnten FÖG-Studie notabene fast alle ignoriert wurden.

Die Balzer-Crew jedenfalls hat den ersten Berg hinter sich. Die Finanzen für den Aufbau der Plattform und die Kampagne stehen. «Die Gelder kommen vom Kanton Graubünden und vom Bundesamt für Kultur (innerhalb des Formats Transformationsprojekte). Dazu kommen Beiträge aus dem Beitragsfonds der Graubündner Kantonalbank, der Stiftung Dr. Valentin Malamoud und der Medien- und Unternehmungsförderungsstiftung Fers», sagt Mathias Balzer dem Klein Report zum Schluss.

Das Magazin selbst soll einst werbefrei sein und sich durch die Abos finanzieren. «1000 braucht es für den Start. In vier Jahren möchten wir bei 4000 sein. Wir werden sehen, ob das zu schaffen ist.»