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Freitag
09.04.2021

Medien / Publizistik

Aus zwei mach eins: Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried spricht von einem «schwarzen Tag für den Medienplatz»... (Bild: «Der Bund»)

Obwohl man damit gerechnet hatte, war es trotzdem ein Paukenschlag am Medienplatz Bern: Die Tageszeitungen «Berner Zeitung» (BZ) und «Der Bund» verlieren ihre Eigenständigkeit und werden ab Oktober von einer Einheitsredaktion befüllt. Das hat Tamedia am Donnerstag entschieden und damit dem «Berner Modell» den Garaus gemacht.

Die Leitung der neuen Berner Einheit im Tamedia-Kosmos übernimmt Simon Bärtschi, der seit 2019 Chefredaktor der «Berner Zeitung» ist und nun auch über den «Bund» wacht. Bärtschi möchte diese Beförderung aber nicht als beruflichen Aufstieg verstehen, beschwichtigt er am Donnerstag in einem Gespräch mit dem Klein Report.

«Als Gesamtleiter der neuen Redaktion ist mein Job vor allem, dass wir die unterschiedlichen Betriebskulturen vereinen», sagt Bärtschi bescheiden über seine neue Position.

Was ändert sich nun aber in der Bundesstadt? Dazu lohnt es, sich ein Bild der Lage zu verschaffen: Momentan sind die Redaktionen von «Berner Zeitung» und «Bund» «zwei komplementäre Systeme», die zwar Artikel aus der Tamedia-Mantelredaktion in Zürich beziehen, aber «diese ganz unterschiedlich priorisieren. Und auch organisatorisch sind wir derzeit getrennt», erklärt Bärtschi dem Klein Report.

Zürich beliefert Bern mit Inhalten zu Inland, Ausland, Wirtschaft, Kultur und überregionalem Sport. Gewichtet wird aber unterschiedlich: «Beim ‚Bund’ haben die Kultur und die Auslandsberichterstattung einen hohen Stellenwert, dafür wird weniger über Regionales geschrieben. Bei der ‚Berner Zeitung’ dagegen kommt die Region immer zuerst», fasst Simon Bärtschi das «Berner Modell» prägnant zusammen.

Ab Herbst ist damit Schluss: Aus den zwei Redaktionen macht Tamedia eine kleine Mantelredaktion für BZ und «Bund», die dann quasi dem Mantel in Zürich unterstellt ist. Diese Berner Redaktion wird «auf den digitalen Kanälen und in den Zeitungen ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen», präzisiert Bärtschi. Die Titel sollen aber eigenständig positioniert bleiben.

Ganz konkret heisst das: «Die ‚Berner Zeitung’ wird beispielsweise über Berner Fussball berichten, im ‚Bund’ gibts im Gegenzug mehr Geschichten aus dem Stadttheater Bern.»

Und weil alles aus derselben Redaktion kommt, bedeutet das für eine BZ-Journalistin, dass sie auch zu einer «Bund»-Journalistin wird. Und ein «Bund»-Redaktor ist dann auch ein BZ-Schreiber, veranschaulicht Simon Bärtschi das neue System.

Doch so rosig das auch klingen mag: Sparmassnahmen sind Sparmassnahmen. Von den rund 70 Vollzeitstellen streicht Tamedia voraussichtlich 20 Vollzeitstellen. Wo genau abgebaut wird, ist laut Bärtschi noch nicht entschieden, es werde aber auch redaktionelle Arbeitsplätze treffen.

Die Pläne von Tamedia haben den Medienplatz Bern aufgeschreckt. Auf Twitter bedauern Medienmacher und -beobachter unisono das Verschwinden des «Berner Modells». Der eben erst aufgeschaltete Account «Einheitsbrei Bern» gibt der Trauergemeinschaft eine Stimme. Er scheint von Insidern bedient zu werden, denn am Donnerstagmorgen twitterte er offenbar direkt aus der internen Informationsveranstaltung.

Auch die Berner Kantonsregierung stösst ins gleiche Horn und «bedauert» den «Schritt zu einer Einheitsredaktion», schreibt der Regierungsrat in einer Mitteilung am Donnerstag. Der damit verbundene Stellenabbau werde dazu führen, dass die Berichterstattung über lokale und regionale Themen «verarmt».

Noch deutlichere Worte findet Stadtpräsident Alec von Graffenried, der von einem «schwarzen Tag für den Medienplatz» spricht. «Mit dem Abschied vom ‚Berner Modell’ hat Tamedia die eigenen wirtschaftlichen Interessen höher gewichtet als ihre medienpolitische Verantwortung», zeigt sich von Graffenried verärgert.

Simon Bärtschi relativiert: «Es ist nachvollziehbar, dass die Stadt so reagiert. Der bernische Wettbewerb zwischen ‚Bund' und BZ fällt künftig weg, was bedauerlich ist.» Der Zusammenschluss der Redaktionen von «Bund» und «Berner Zeitung» sei aber notwendig, weil die Werbeumsätze erodieren und die Printabo-Erlöse sinken. 

Und vielleicht hätte es mit einer Übernahme des defizitären Amtsanzeigers der Region Bern durch Tamedia ja eine Möglichkeit gegeben, ein «Berner Modell light» beizubehalten, so Bärtschi. Darauf sind Stadt und Kanton Bern aber nicht eingegangen.