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Sonntag
25.08.2019

Werbung

Stehen die Cannes Lions für die Schweiz vor einem Neustart?

Der Schweizer Art Directors Club (ADC) hat ziemlich lange gebraucht, um auf die Entscheidung von Cannes-Repräsentant Werbe Weischer zu reagieren, der die Kategorien für die Young Lions an den Cannes Lions massiv reduziert.

Durch diesen Entscheid sind die jungen Schweizer Werbecracks in den Kategorien Digital, Print und Film am grössten Werbefilm-Wettbewerbe der Welt nicht mehr vertreten.

In einem etwas pathetisch formulierten «Offenen Brief» vom Freitagmorgen moniert der Kreativ-Verband, dass der Kino-Vermarkter Werbe Weischer am 20. August «der Öffentlichkeit mitgeteilt» habe, dass sie «die Young Lions Competition mit Ausnahme der Kategorie Media in der Schweiz nicht mehr durchführt». Die Schweiz könne deshalb im nächsten Jahr «erstmals keine Nachwuchs-Teams in den Kategorien Digital, Print und Film nach Cannes schicken».

Die Mitteilung sei überraschend und kurzfristig gekommen, der Qualifikationswettbewerb war wie in den vergangenen Jahren ursprünglich auf Ende August geplant, so der ADC.

Was sich schon sehr lange abgezeichnet hat, bemerkt nun auch der ADC: «Die Befürchtung, dass unser Land als Anhängsel von Deutschland behandelt wird, bewahrheitet sich nicht nur bei den Jury-Vertretungen, sondern nun auch bei der Nachwuchsförderung.»

Etwas ungeschickt versucht man dann den deutschen Repräsentanten, der durch den Kauf der Cinecom, die gehörte davor der in Konkurs gegangenen Publicitas, zum Engagement kam, öffentlich abzumahnen. «Als Repräsentantin des gesamten Festivals kann man sich nicht ernsthaft auf sein Kerngeschäft berufen und alle anderen Disziplinen einfach weglassen», so der ADC und drückt auf die Tränendüse, dass die «Leidtragenden» nicht nur viele junge Kreative seien, «sondern die gesamte Schweizer Kommunikations- und Werbeindustrie».

Dieser Popanz ist ungangebracht. Zur Faktenlage: «Die Schweizer Werbeumsätze bleiben 2019 mit 4,1 Milliarden Franken unverändert (+0,5%), nach leichten Rückgängen (-1%) im Jahr 2018», wie aus dem MAGNA-Bericht hervorgeht. Die Schweiz verzeichne eine der höchsten Werbeausgabenquoten pro Kopf der Welt - 493 Dollar gegenüber einem westeuropäischen Durchschnitt von 252 Dollar. Und richtig Geld wird in der Vermarktung in der Schweiz verdient mit den teilweise höchsten Medienkosten der Welt, wenn man es auf Regionen herunterbricht: «91 Dollar sind die typische TKP für einen 30-Zoll-Spot im Free-TV, weit über dem regionalen Durchschnitt von 18 Dollar.»

In diesen Vermarktungsbereichen werden CEOs und leitenden Angestellten schnell mal mehrere Hunterttausend Franken Lohn pro Jahr bezahlt - zum Teil ehemalige Anzeigenverkäufer. Dito siehts im Verlags- und Agenturbereich aus. Ein abstruses Missverhältnis, dass sich im Journalismus bereits manifestiert hat. Wer im kreativen Bereich tätig ist und angeblich das grosse Ganze erst möglich macht, ist gehaltsmässig am unteren Ende der Skala angesiedelt.

Der ADC Switzerland «bietet sich an» (Orginalton), «per sofort die Repräsentanz unseres Landes an den Cannes Lions zu übernehmen; in diesem Fall würden wir alles daran setzen, den Qualifikationswettbewerb (ADC Young Creatives Award) für die Young Lions Competition in allen Kategorien im Januar 2020 doch noch durchzuführen».

Erste Gespräche des ADC mit Verbänden, Partnern, Agenturen und Auftraggebern «offenbaren eine grosse Solidarität», die Young Lions Competition in allen bisherigen Kategorien weiterzuführen.

Welche Querelen zwischen dem ADC und dem deutschen Vermarkter Werbe Weischer vorangingen, die auch der Klein Report an den letzten Cannes Lions unerfreulicher Weise schon zu spüren bekam, lassen sich nur erahnen.

Auch ein von ADC-Präsident Frank Bodin nach dem 20. August verhängtes Kommunikaitonsverbot auf das von Werbe Weischer vefasste Statement an die ADC-Mitglieder ist für die Zukunft sicherlich nicht zielführend. Ein aufgefrischter und verjüngter Vorstand (heute sind es acht Männer) mit Frauen und Digital-Kreativen sowie einem professionellen Verbandsmanagement tut not.

Ansonsten bleibt das Gremium im Groove der 70er Jahre hängen und dient einigen leider nur als Beschäftigungs- und Selbstdarsteller-Therapie. Und das haben die jungen kreativen Frauen und Männer in der Schweiz wirklich nicht verdient.