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Donnerstag
29.04.2021

Medien / Publizistik

Werner Salzmann hält Tamedia den Spiegel vor: «Mit nur einer Redaktion braucht es nicht zwei Titel, dieses Feigenblatt kann man sich sparen.» (Bild zVg)

Mit der Fusion der Redaktionen von «Bund» und «Berner Zeitung» hat Tamedia in ein Wespennest gestochen. Bei Politikern aller Couleur sorgt der Entscheid aus unterschiedlichen Gründen für Kopfschütteln.

Im Gespräch mit dem Klein Report sieht der Berner SVP-Ständerat Werner Salzmann das Problem weniger bei der Fusion als bei der Verkleinerung der Redaktion.

Eine Serie zum Medienplatz Bern von Jonathan Progin, Kai Vogt und Ursula Klein.

Journalistinnen und Journalisten von «Berner Zeitung» und «Bund» haben sich vor zwei Wochen mit einem Manifest gegen den geplanten Stellenabbau in den Redaktionen gewehrt. Was sind Ihre Möglichkeiten, als Politiker darauf zu reagieren?
Werner Salzmann: «Als Politiker kann man gegen unternehmerische Entscheide von privaten Unternehmen nicht direkt etwas unternehmen. Der Bund lässt sich die Presseförderung via Zustellermässigung jährlich 50 Millionen kosten als Zeichen für eine vielfältige Presselandschaft auch in den Regionen. Der politische Wille wäre also klar. Die Förderung zu streichen, würde aber kaum etwas bewirken.»

Wie stehen Sie grundsätzlich zur Entscheidung des Tamedia-Konzerns, die Redaktionen von «Berner Zeitung» und «Bund» zu fusionieren?
Salzmann: «Das Problem liegt weniger am Zusammenlegen der Redaktionen als an der Reduktion der Anzahl recherchierender Journalisten. Wenn die Journalisten rund um Bern primär über ‚überregional interessante‘ Geschichten berichten, läuft es in Richtung Schlagzeilenjournalismus. Dafür zahlt niemand ein Abo, denn das kann man auch in den Gratiszeitungen lesen.»

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried moniert, dass Tamedia mit diesem Schritt «die eigenen wirtschaftlichen Interessen höher gewichtet als ihre medienpolitische Verantwortung». Stimmen Sie dieser Aussage zu?
Werner Salzmann: «Dass ein Unternehmen wirtschaftliche Interessen hat, ist legitim. Tamedia läuft aber Gefahr, sich selbst abzuschaffen mit der Reduktion der Mitarbeiter, welche recherchieren. Insofern stimmt die Aussage so nicht. Die Strategie geht aus meiner Sicht auch wirtschaftlich nicht auf. All diejenigen, welche heute noch beide Titel abonniert haben, zum Beispiel Lokale, Politiker, andere Redaktionen, werden eines der beiden Abos kündigen. Mit einer Redaktion braucht es nicht zwei Titel, dieses Feigenblatt kann man sich sparen.»

Politik und Gesellschaft in Bern beklagen einen Verlust an Medienvielfalt. Am Medienplatz Bern stehen derzeit Projekte wie «Neuer Berner Journalismus» und «Neue Berner Zeitung» sowie die Idee eines Onlinemagazins der Bewegung Courage Civil in der Anfangsphase. Weshalb glauben Sie, ist die Medienvielfalt in Bern dennoch gefährdet?
Salzmann: «Vor allem die Berichterstattung über lokale Vereinsaktivitäten rund um Bern wird auf der Strecke bleiben, sprich auch unsere Ortsparteien in den Agglomerationen. Nehmen wir nur schon Fraubrunnen. Schon jetzt ist in ‚Bund‘ und ‚Berner Zeitung‘ wenig Platz, künftig werden dann auch die Journalisten dafür fehlen.»

Was wünschen Sie sich für den Medienplatz Bern?
Werner Salzmann: «Bezahlte Titel müssen sich abheben von all den Informationskanälen, die es heute gibt. Das geht nur mit Qualitätsjournalismus. Dabei wünsche ich mir natürlich neutrale Recherche und nicht ein Journalismus, der auf dem einen Auge blind ist, sondern der linke Themen genau so kritisch begleitet wie bürgerliche Anliegen.»

Welche Medien haben Sie persönlich momentan abonniert und welche Onlinemedien konsumieren Sie?
Salzmann: «Ich lese ‚Bieler Tagblatt‘, ‚Berner Zeitung‘, ‚Bund‘, AZ, ‚Solthurner Zeitung‘, NZZ, nau.ch, ‚20 Minuten‘ und Watson.»

Im Bundeshaus wird heftig über Medienförderung debattiert. Eine Entscheidung über das Förderpaket für Print- und Onlinemedien steht in der Sommersession bevor. Kurzgefasst: Was ist ihre Position zu staatlichen Geldern für private Medien?
Werner Salzmann: «Mir scheint vor allem die Zustellermässigung ein sinnvolles Mittel. Direkte Fördermittel bergen sofort die Gefahr von ungleichen Spiessen und schaffen Abhängigkeiten, die für alle Beteiligten schwierig sind im Sinn von ‚Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing‘

Nicht nur auf nationaler Ebene, auch eine Ebene tiefer sind Förderfranken in Reichweite: Der Kanton Bern plant eine Revision des Informationsgesetzes, um künftig auch Medien indirekt zu fördern. Inwiefern unterstützen Sie dieses Unterfangen?
Salzmann: «Die SVP war in der Ratsdebatte um den Medienförderbericht skeptisch. Die Vernehmlassungsantwort zum Gesetz, das jetzt auf dem Tisch liegt, haben wir aber noch nicht verabschiedet, da möchte ich nicht vorgreifen.»