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Montag
06.07.2020

Medien / Publizistik

«Der Presserat ist der einzige Ort, wo sehr konkret und alltagstauglich über die delikaten Auswirkungen der medialen Umwälzungen diskutiert wird», sagt die frisch gewählte Präsidentin Susan Boos.

Die WOZ-Journalistin Susan Boos ersetzt Dominique von Burg als Präsidentin des Schweizerischen Presserats.

Der Klein Report hat sich mit der Journalistin über den «Hüter des kategorischen Imperativs im Journalismus» unterhalten.

Was möchten Sie konkret bewirken als neue Präsidentin des Presserats?
Susan Boos: «Dass jeder und jede im Land den Presserat kennt. Und dass alle JournalistInnen sich freuen, wenn der Presserat ihre Arbeit adelt. Eine Rüge mag zwar unangenehm sein, niemand freut sich über Tadel - jede abgewiesene Beschwerde enthält aber auch ein grosses Stück Anerkennung: Da wurde korrekt gearbeitet.»

Wo werden Ihre Prioritäten liegen?
Boos
: «Das kann ich im Moment noch nicht sagen. Ich werde das Amt erst im Januar 2021 antreten - es bleibt mir also noch ein Lehrhalbjahr.»

Ändert sich aufgrund des neuen Amtes etwas an Ihrer Funktion bei der WOZ?
Boos
: «Nicht viel. Seit Ende 2017 bin ich nicht mehr in der Redaktionsleitung und habe innerhalb der Zeitung keine Funktion mehr inne. Seither schreibe ich noch als Reporterin für die WOZ, betreue zusammen mit einigen KollegInnen journalistisch das Thema Digitalisierung und springe mal ein, falls es im Ressort Schweiz einen Engpass gibt. Vielleicht werde ich mein heutiges Pensum von 50 Prozent leicht reduzieren.»

Weshalb ist es gerade heute wichtig, dass es den Presserat gibt?
Boos
: «Aus meiner Perspektive hat der Presserat an Bedeutung gewonnen, weil es der einzige Ort ist, wo sehr konkret und alltagstauglich über die delikaten Auswirkungen der medialen Umwälzungen diskutiert wird - wie zum Beispiel über die virulente Frage des Native Advertisings, das sich zunehmend in die redaktionellen Teile einschleicht. Oder die neuen Onlineportale, die aussehen wie journalistische Produkte, es in Wirklichkeit aber gar nicht sind. Um nur zwei Beispiele zu nennen.»

Wie sehen Sie die Zukunft des Presserats? Welche Ideen haben Sie, wie sich das Selbstregulierungs-Gremium weiterentwickeln kann oder soll?
Boos
: «Das kann ich leider noch nicht sagen. Ideen gibt es viele. Im Moment müssen aber neue Ideen behutsam angegangen werden, da die Kapazitäten und Mittel beschränkt sind. Es wurden vom Stiftungsrat schon diverse Reformprojekte angedacht, um die vorhandenen Mittel möglichst effizient einzusetzen. Finanziell könnte sich mit dem neuen Mediengesetz die Situation auch etwas entspannen. Nur kann ich persönlich dazu noch nicht viel sagen.» 

Wie schätzen Sie die Wirkung des Presserats ein? Wie ernst nehmen die Journalisten und Journalistinnen den Berufskodex überhaupt?
Boos
: «Die Wirkung ist grösser als wir JournalistInnen gerne zugeben. Gerügt zu werden ist unangenehm. Doch sind JournalistInnen selber auch ganz froh, dass sie sich an den Presserat wenden können, wenn sie sich von einem anderen Medium ungerecht behandelt fühlen. Beispiele dafür gibt es immer mal wieder.»

In einem Satz: Was ist der Presserat?
Boos
: «Der Presserat ist kein Gericht, keine politische Institution, sondern vielmehr der Hüter des kategorischen Imperativs im Journalismus. Ohne hat die Demokratie ein Problem.»