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Donnerstag
22.04.2021

TV / Radio

Wo ist die Grenze zwischen Sexismus und Arbeitsklima? Darüber diskutierten die Gäste mit Moderatorin Barbara Lüthi... (Bild: SRF)

Wer es nicht wahrhaben will, muss es fühlen: Im «SRF Club» vom Dienstagabend musste ein uneinsichtiger Peter Rothenbühler mehrmals von Moderatorin Barbara Lüthi zurechtgewiesen werden. Und SRF-Direktorin Nathalie Wappler überraschte mit einem kurzen eingespielten Auftritt am Bildschirm.

Den «Club» angeschaut haben Redaktor Jonathan Progin und Chefredaktorin Ursula Klein.

Sichtlich beflügelt von den Ergebnissen der Untersuchung, die SRG-Generaldirektor Gilles Marchand und Ex-RTS-Star Darius Rochebin entlasten, plauderte Rothenbühler, Ex-Chefredaktor von der «Schweizer Illustrierten» und «Le Matin», aus seinem Nähkästchen. Dabei versuchte er tatsächlich, seine Erfahrung als Wahrheit zu verkaufen.

In seinen fast vierzig Jahren als Chefredaktor in verschiedenen Medien habe es «drei Fälle» von «offenbaren sexuellen verbalen Belästigungen» gegeben. Alle drei betroffenen Personen habe er fristlos entlassen, ansonsten habe es «nichts» gegeben, meinte Rothenbühler unverfroren.

Barbara Lüthi musste den 72-Jährigen unterbrechen: «Herr Rothenbühler, das können wir jetzt schlicht nicht überprüfen.» Doch für ihn war das kein Grund, nicht noch mehr aus seiner angeblich frauenfreundlichen Arbeitswelt zu erzählen.

So werde an Geburtstagen oder Abschiedsfesten beim Westschweizer Fernsehen RTS schon mal gerne «gesoffen, Musik gemacht und geküsst». «Dort kam man sich näher, und das war sehr angenehm», behauptete Rothenbühler, der damit kurzerhand zahlreiche belegte Fälle von übergriffigem Verhalten von Männern gegenüber Frauen verharmloste.

Auch wenn die beiden Herren Rochebin und Marchand vorerst freigesprochen sind: Die peinlichen Bemerkungen von Rothenbühler irritierten nicht nur Barbara Lüthi, sondern auch Priscilla Imboden, SRF-Radiojournalistin und Co-Präsidentin der Gewerkschaft SSM, die einen souveränen Auftritt aufs Parkett legte.

Imboden verteidigte die mutmasslichen Opfer und gab den Angestellten eine Stimme. Sie machte in der Diskussionsrunde mehrmals darauf aufmerksam, dass die 230 eingegangenen Aussagen auf ein Problem mit der Unternehmenskultur hindeuten. Und sie widersprach auch deutlich Rothenbühler, als dieser meinte, in den Medien würde schon lange eine Nulltoleranz gegenüber Sexismus gepflegt.

Genau an diesem Punkt wurde die Diskussion mit einem Einspieler, in dem Lüthi ein Interview mit ihrer Chefin, SRF-Direktorin Nathalie Wappler, führte, unnötigerweise unterbrochen. Wappler konnte in vier Minuten seelenruhig erklären, wie ihr Sender Frauen fördere und wie man am Zürcher Leutschenbach gegen Mobbing vorgehe.

Dass sich SRF-Moderatorin Lüthi für dieses PR-Interview einspannen liess, passt nicht so ganz zu ihrem Auftreten an diesem «Club»-Abend, bei dem sie die Hoheit über die Diskussion nie aus der Hand gab.

Erstaunlicherweise mild war Michèle Binswanger im Umgang mit Peter Rothenbühler. Die «Tages-Anzeiger»-Journalistin belehrte ihn zwar schon über das Machtgefälle zwischen einer 20-jährigen Praktikantin und einem 45-jährigen Bereichsleiter, falls es da mal zu Annäherungen käme, aber sie relativierte auch die 230 eingegangenen Aussagen.

Diese Fälle könnten vieles bedeuten, von einem «falschen Blick» bis zu «wirklich sexistischem Verhalten», meinte Binswanger. Ähnlich war ihre Antwort auch, als sie von Barbara Lüthi gefragt wurde, warum sie den offenen Brief der Tamedia-Journalistinnen nicht unterschrieben habe: «Dort werden Kraut und Rüben durcheinandergemischt.»

Und einmal mehr bemerkenswert ist, dass die Journalistin den Briefunterzeichnerinnen de facto in den Rücken gefallen ist. Weshalb mache es denn die Redaktion von «20 Minuten» so viel besser? Von denen habe niemand den Tamedia-Brief unterschrieben. Spricht Binswanger hier im Namen von Tamedia, im Namen des CEO Pietro Supino? Es mutete etwas bizarr an.

In vielen Themen, die in diesem Brief angesprochen werden, gehe es nicht um Sexismus, sondern um die Betriebskultur oder um persönliche Animositäten, schwurbelte Binswanger weiter.

Bei solchen Definitionsfragen war die Expertise von Monika Hirzel, Rechtsanwältin und Konfliktberaterin, sehr willkommen. Hirzel ordnete ein und überzeugte mit ihrem Fachwissen, das so manche Behauptung von den Gästen kurzerhand widerlegte.

Und der Letzte der Runde, SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina, blieb grossmehrheitlich blass und wirkte bis zum Schluss nervös. Cina wiederholte gefühlt fünfzehnmal, dass man nun was unternehmen werde, dass Nulltoleranz herrsche und dass der Bericht extern und unabhängig gewesen sei.

Zum Schluss verbrüderte er sich aber noch mit Rothenbühler, der behauptete, die wahren Opfer der Geschichte seien Rochebin («den hat man medial geschlachtet»), Marchand («ein toller, feinfühliger Typ») und die SRG. «Weisst du eigentlich, was die in Bern über die SRG denken?», fragte der pensionierte Journalist um die Corona-Glaswand herum.

Bereits in der Bredouille, stotterte Cina nur: «Ja, das ist so.» Er rutschte auf dem Sessel herum, weil ihm sichtlich unwohl war dabei. Mit dem leicht verblühten Boulevardjournalisten Rothenbühler zu fraternisieren, war mehr als ungeschickt von Cina, der selber von Barbara Lüthi noch eine gepfefferte Frage nachgereicht bekam bezüglich seines «Lady-Killer»-Images auf der politischen Bühne in seiner CVP.