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Mittwoch
29.05.2019

TV / Radio

Ombudsmann: «Ob jemand in der Kindheit sexuell missbraucht worden ist, gehört nicht an die Öffentlichkeit, auch dann nicht, wenn die Person nicht missbraucht worden ist.»

War das der eine Eklat zu viel für Roger Schawinski? Nach dem heftigen und teilweise bösartigen «Schawinski»-Talk vom 8. April mit Gast Salomé Balthus ging das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auf Tauchstation. Nun sieht sich TV-Chefredaktor Tristan Brenn doch noch genötigt, im Namen von SRF zum Fall Stellung zu beziehen.

Die Verantwortlichen von SRF mussten vorzeitig aus der Deckung kommen, weil die Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Dienstag eine Sperrfrist gebrochen hatte. Denn am Montagabend verschickte SRF-Ombudsmann Roger Blum einen 16-seitigen Bericht zum vielkritisierten «Schawinski»-Talk.

«Mit dem Stil, den Roger Schawinski wählte, hat er die Menschenwürde von Salomé Balthus verletzt», lautet das eindeutige Fazit des Ombudsmannes. Der für seine angriffigen, oft auch abwertenden und persönlich diskreditierenden Interviews bekannte Schawinski, «dem ein Gespräch äusserst selten aus dem Ruder läuft» (O-Ton Blum), hat dieses Mal endgültig eine Grenze überschritten.

Nicht nur sein «leicht verächtlicher Tonfall» im Gespräch mit der Berliner Philosophin und Prostituierten war klar unangemessen. Schawinski habe auch «zu wenig berücksichtigt, dass ein journalistisches Interview für die Öffentlichkeit bestimmt ist und dass die direkte persönliche Frage, ob jemand in der Kindheit sexuell missbraucht worden ist, nicht an die Öffentlichkeit gehört, auch dann nicht, wenn die Person nicht missbraucht worden ist», so Blum.

Der ellenlange Bericht von Roger Blum mit dem vernichtenden Fazit zu Roger Schawinski wurde am späten Montagabend verschickt – eigentlich mit einer Sperrfrist bis Freitag, 31. Mai, 14:00 Uhr, was natürlich auch Raum für Spekulationen zulässt.

Weil Keystone-SDA die Sperrfrist gebrochen hatte, reagierte SRF TV-Chefredaktor Tristan Brenn aber bereits am Dienstagnachmittag mit seiner Stellungnahme. Diese wurde dann auch noch direkt über das Medienportal von SRF publiziert, was ein Stück weit die Autorität der Ombudsstelle untergraben dürfte.

Denn die Ansichten von Tristan Brenn und Ombudsmann Roger Blum liegen ganz offensichtlich meilenweit auseinander: Die Entschuldigung von Seiten SRF dafür, dass Schawinski die Menschenwürde von Salomé Balthus verletzt hat, wirkt höchstens halbherzig.

So schreibt Brenn in zwei Sätzen: «SRF anerkennt, dass die Art der Befragung von Roger Schawinski sowohl die Gefühle von Salomé Balthus wie auch jene von vielen Zuschauerinnen und Zuschauern verletzt hat. Dafür möchte sich SRF in aller Form entschuldigen.»

Doch unmittelbar danach folgen vier Sätze, in denen SRF seinen Moderator Roger Schawinski vehement verteidigt und sogar noch einmal gegen Balthus nachlegt: «Gleichzeitig hält SRF nochmals fest, dass Roger Schawinski Salomé Balthus nie gefragt hat, ob sie von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sei. Mit seiner Fragestellung wollte der Moderator auch keine Anspielung darauf machen.»

Brenn weiter: «Das von Salomé Balthus in Umlauf gebrachte Zitat war falsch und führte zu teils diffamierenden Reaktionen gegenüber Roger Schawinski. Dies ist umso bedauerlicher, als dass der Ombudsmann zurecht auf die grossen Verdienste von Roger Schawinski als Mediengestalter und Talkmaster hinweist, ‚dem ein Gespräch äusserst selten aus dem Ruder läuft’», doppelte er nochmals nach.

Auch bei genauerer Durchsicht des 16-seitigen Schlussberichts der Ombudsstelle zeigt sich SRF uneinsichtig. Dort argumentierte ein Redaktor und Produzent der «Schawinski»-Sendung unter anderem: «Besonders bei Gästen wie Salomé Balthus, die in der Schweiz kaum Bekanntheit erlangt haben, sind Fragen nach dem familiären Hintergrund unerlässlich.»