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Montag
06.01.2020

Medien / Publizistik

Richard Gutjahr zieht Bilanz... (© R. G.)

In einem offenen Brief vom 31. Dezember 2019 zieht der Journalist Richard Gutjahr Bilanz seiner 22 Jahre als «fester Freier» beim Bayerischen Rundfunk.

«Dass die BR-Führungsspitze meine Familie und mich mit dem Hass und der Hetze infolge meiner Berichterstattung für die ARD allein gelassen hat – geschenkt. Dass der Intendant und seine engsten Mitarbeiter später versucht haben, das Kontrollgremium des Bayerischen Rundfunks zu täuschen und hinter verschlossenen Türen immer wieder die Wahrheit zu verbiegen, kann ich so nicht stehen lassen.»

Richard Gutjahr hatte vor drei Jahren den Intendanten des BR, Ulrich Wilhelm, um Schutz gegen den Hass im Netz gebeten. Dieser verweigerte, gemäss den Aussagen von Richard Gutjahr, die Unterstützung mit dem Argument, dass «der BR freien Mitarbeitern keine Rechtsberatung geben dürfe».

Der «feste Freie» Journalist schildert seine Eindrücke und Gedanken mit dem TV-Boss des Bayerischen Rundfunks: «In unserem darauffolgenden Gespräch hatten Sie mich vertröstet, ich hatte damals den Eindruck, Sie konnten oder wollten die Dimension dieser Attacken nicht nachvollziehen. Der Dauerbeschuss aus Hass und Hetze, die Verleumdungen, die Morddrohungen haben in ihrer Frequenz und Häufigkeit inzwischen immer wieder nachgelassen aber nie wirklich aufgehört», schreibt Gutjahr. «Erst vor wenigen Wochen sahen sich die Organisatoren eines Journalisten-Kongresses genötigt, mir Personenschutz zur Seite zu stellen, nachdem es Aufrufe auf Facebook gab, mich dort abzupassen.»

Gutjahr weiter: «Drohungen, wohlgemerkt, nicht gegen mich als Privatperson, sondern gegen Richard Gutjahr, den ARD-Mitarbeiter und Abgesandten des ‚Staatsfunks‘. Noch beim Verlassen Ihres Büros hatte ich an Ihr Mitgefühl appelliert, Sie gebeten, mich bei der Bekämpfung dieser Kräfte aktiv zu unterstützen. Meine Bitte blieb ungehört. Stattdessen verwiesen Sie persönlich und Ihre juristische Direktion immer wieder darauf, dass der BR freien Mitarbeitern keine Rechtsberatung geben dürfe.»

Der Journalist führt dann die Rechtsstreitigkeiten gegen die Hetzer und Verleumder seiner Familie detailliert auf. Involviert sind unter anderen die Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman. Die Rechtsschutzversicherung kündigte Gutjahr nach einem Jahr, eine Beteiligung an den Prozesskosten lehnte der BR laut Gutjahrs offenem Brief zunächst ab. Man könne ja nicht jedem freien Mitarbeiter gleich einen Anwalt stellen, nur weil man mal im Netz «angepöbelt» werde, war eine Begründung. Gutjahr wurde nach eigenen Angaben mit einem lächerlich geringen Betrag, weniger als ein Monatsgehalt, dann doch noch unterstützt.

Richard Gutjahr ist seit 2016 im Fadenkreuz von Hass und Hetze, da er kurz nacheinander bei den Terroranschlägen in Nizza und in München live vor Ort war.

Der Bayerische Rundfunk wies in seiner Stellungnahme alle Vorwürfe von Richard Gutjahr zurück: «Der BR weist insbesondere den Vorwurf der Lüge und Täuschung durch den Intendanten strikt zurück.» Gutjahr erklärte gegenüber dem «Spiegel»,«dass er bei seinen Schilderungen bleibe».

Nachdem er nun «alle anderen Kommunikationswege ausgeschöpft habe», so Gutjahr, schrieb er nun diesen offenen Brief an den BR-Intendanten Ulrich Wilhelm.

Die Auseinandersetzung wird die Frage nach der öffentlich-rechtlichen Verantwortung von freien Mitarbeitenden der Rundfunkanstalten sicherlich noch weiter beschäftigen. Digitalexperten wie Ingrid Brodnig und Denis Horn sehen im Fall Gutjahr dringenden Handlungsbedarf.