Content:

Freitag
09.08.2019

Medien / Publizistik

Daniel Thüler, Kurt Bühlmann und Andreas Wittausch (v.l.)

In der neuen Co-Leitung des «Schaffhauser Bock» spannen Redaktion und Verlag seit Anfang August zusammen.

Im Gespräch mit dem Klein Report erzählen die neuen Co-Chefs Daniel Thüler und Andreas Wittausch, wie sie die traditionelle Wochenzeitung in die digitale Zeit hinüberretten wollen, und wie sie sich gegenüber den Deutschschweizer Grossverlagen aufstellen.

In der neuen Co-Geschäftsleitung des «Schaffhauser Bock» sind der kommerzielle und der redaktionelle Bereich zusammengeschlossen worden. Weshalb?
Daniel Thüler
: «Der ‚Bock‘ stand zuvor unter der Gesamtleitung unseres Vorgängers Kurt Bühlmann. Ihm waren sowohl der Verlag wie auch die Redaktion unterstellt. Obwohl er selbst auch im Verkauf tätig war, pflegte er gegenüber der Redaktion einen sehr partizipativen Führungsstil und gestand ihr die journalistische Unabhängigkeit zu. Dazu förderte er das gegenseitige Rollenverständnis zwischen Verkauf und Redaktion. Die Führungsstruktur mit einem Gesamtgeschäftsführer passte gut in die Zeit, in der es insbesondere um die Weiterentwicklung des Printprodukts ‚Bocks‘ ging ...»

... und heute?
Thüler
: «Da der Digitalbereich immer wichtiger wird und bei der Entwicklung von Onlineprodukten immer mehr Schnittstellen zwischen Verlag und Redaktion entstehen, macht es Sinn, wenn sich auf Stufe der Geschäftsleitung beide Seiten gleichberechtigt einbringen können.»

Der «Schaffhauser Bock» hat vor Kurzem angekündigt, neue Produkte im Digitalen zu lancieren. Was haben Sie vor?
Thüler
: «Andreas Wittausch und ich haben beide Ideen, wie die digitale Zukunft des ‚Bocks‘ aussehen könnte und sehen auch viel gleich oder zumindest ähnlich. Wir befinden uns jedoch noch mitten in der Konzeptphase, weshalb wir derzeit keine Details nennen möchten.»

Wird die Print-Ausgabe an Bedeutung verlieren?

Thüler
: «Wir sind zwar Fans des Prints und wollen diesen keinesfalls vernachlässigen, haben aber beide auch eine grosse Affinität zum Digitalen. Dazu bringt Andreas Wittausch einen reichen Erfahrungsschatz aus der bisherigen Tätigkeit als Verkaufsleiter Digital bei den Zürcher Oberland Medien mit. Auch binden wir das Redaktions- und Verkaufspersonal eng in die Entwicklung ein, damit die digitalen Produkte möglichst breit abgestützt sind. Sämtliche Mitarbeitenden sind sich bewusst, dass sich der ‚Bock‘ nur langfristig halten kann, wenn wir auch im Digitalen stärker werden.»

Sind mit dem Wechsel in der Geschäftsleitung auch Änderungen bei der publizistischen Ausrichtung verbunden?
Daniel Thüler
: «Beim Printprodukt keine massgeblichen. Wir sind bisher mit der 100-prozentigen inhaltlichen Ausrichtung auf die Region Schaffhausen - Wirtschaft, Politik, Kultur, Gesellschaft, Sport - äusserst gut gefahren. Bei meinem Start als Chefredaktor vor neun Jahren habe ich alle redaktionellen Inhalte, die keinen klaren Bezug zur Region haben, eliminiert, worauf die Leserzahlen gemäss Wemf angestiegen sind. Es interessiert die Leute, was in ihrer Nachbarschaft geschieht ...» 

... die Berichterstattung jenseits der Region Schaffhausen überlassen Sie also der Konkurrenz?
Thüler
: «Mit einer überregionalen, nationalen und internationalen Berichterstattung wären wir gegenüber anderen Medien nicht konkurrenzfähig, deshalb lassen wir es im Print gleich ganz sein. Es ist uns aber bewusst, dass das nicht unbedingt auch für digitale Produkte gelten muss, dort halten wir uns alle Optionen offen.»

Können Sie ein paar Kennzahlen nennen zum Status-quo und den Trends im Verhältnis Print-Digital?
Andreas Wittausch
: «Im Lesermarkt sind wir mit dem Printprodukt solide unterwegs, bewegen uns im Durchschnitt mit einem Leser pro Exemplar. Im Vergleich zur Onlinenutzung sind wir sicherlich noch nicht am Ziel. In unserem Segment als einmal wöchentlich erscheinende Gratiszeitung spielt der Bereich E-Paper heute sicherlich eine wesentliche Rolle.»

Von Weitem betrachtet verströmt der «Schaffhauser Bock» ein traditionelles Flair. Ist das Blatt in der Zeit stehen geblieben?
Daniel Thüler
: «In ländlichen Regionen spielen Traditionen eine wichtige Rolle, weshalb es für dortige Regionalzeitungen sicherlich nicht falsch ist, ein gewisses traditionelles Flair auszustrahlen. Auch betreiben wir traditionellen Qualitätsjournalismus, statt dass wir auf Skandalisierung und die Fokussierung auf Negativ-News setzen. Wir wollen lieber die Menschen unserer Region und deren Tun zeigen – auch um einen gewissen gesellschaftlichen Kitt herzustellen, da dieser mancherorts bröckelt.»

Würden Sie den «Schaffhauser Bock» als konservativ beschreiben?
Thüler
: «Konservativ sind wir höchstens darin, dass wir unsere Kreativität lieber inhaltlich als mit einem schrillen Layout ausleben. Dies soll auch untermalen, dass wir heute eine seriöse Wochenzeitung und nicht mehr ein Gratisanzeiger sind, der bloss als Vehikel für Werbung dient. Inhaltlich ist der ‚Bock‘ klar liberal und weltoffen ausgerichtet.»

Worin zeigt sich das konkret?
Thüler
: «In unseren wöchentlichen Frontkommentaren zum Beispiel oder in der Kolumne ‚Little Paradise‘, die in englischer Sprache verfasst ist und in der sich insbesondere Expats und andere Zugezogene finden sollen.»

Wie wichtig sind für die Stammleser digitale Produkte überhaupt?
Andreas Wittausch
: «Die Leserinnen und Leser wünschen sich sicher noch mehr Flexibilität in unseren Produkten. Man soll frei bestimmen können, welche Inhalte sie wann und wo konsumieren und nutzen. Man soll nicht von der Werbung ‚verfolgt‘ werden, sondern Anreize schaffen, und dies über alle Kanäle, die für unser Produkt auch Sinn machen.» 

Schaffhausen ist mit den Kleinverlagen der «Schaffhauser Nachrichten» (SN), der «Schaffhauser AZ» (SHAZ) und des «Schaffhauser Bocks» eine Insel in der von Tamedia, CH Media und Ringier dominierten Deutschschweizer Medienlandschaft. Wie beurteilen Sie diese lokale Spezialität? 
Daniel Thüler
: «Natürlich freue ich mich, dass die Grossverlage bislang ferngehalten werden konnten, zumal diese der Medienvielfalt nicht gerade förderlich sind. Hier muss den ‚Schaffhauser Nachrichten‘ ein Kränzchen gewunden werden, da massgeblich sie es geschafft haben, die Grossverlage aus Schaffhausen draussen zu halten. Ein Versuch, die Phalanx von SN als Tageszeitung und vom ‚Bock‘ als Wochenzeitung zu durchbrechen, wäre wohl ziemlich aussichtslos gewesen und auch teuer: Das Schaffhauser Inseratevolumen ist im Vergleich zu jenem der Schweizer Wirtschaftszentren doch eher beschaulich. Und ein kleiner Markt würde wohl Zurückhaltung bei den Investitionen in lokale Inhalte bedeuten.»

Wie lange lässt sich der «Alleingang» der drei Lokal-Titel in Schaffhausen noch stemmen in der aktuellen Medienkrise?
Thüler: «Ich denke, dass dies noch länger so bleibt. Die SN sind gut abgesichert und entlasten sich durch inhaltliche Partnerschaften mit anderen Zeitungen, der ‚Bock‘ ist schlank und effizient organisiert und die SHAZ wird von linken Ideologen am Leben gehalten.»

Und welches Plätzchen hat der «Schaffhauser Bock» in diesem lokalen Gefüge?
Thüler
: «Die SN sind klar bürgerlich und die SHAZ ist klar links ausgerichtet, während wir uns in der politischen Mitte bewegen. Zudem stellen wir mehr die Menschen der Region in den Fokus als die Politik und die Skandalisierung. Im kommerziellen Bereich sind die SN natürlich eine starke Konkurrenz, während die SHAZ nur eine kleine Rolle spielt.»

Wieso braucht es den «Bock»? Was liest man nur da?
Daniel Thüler
: «Wir setzen unsere Themen zu einem grossen Teil selbst und versuchen aktuelle Geschehnisse anders aufzugreifen, als das die SN und die SHAZ tun. Auch gibt es bei uns viele Porträts und Hintergrundberichte zu lesen. Zudem verstehen wir uns als zusätzliche Stimme neben den SN, die sonst ein Meinungsmonopol haben würde, zumal die SHAZ zwar über eine wachsende, aber dennoch kleine Auflage verfügt.»

Was tut der «Bock» gegen die Inseratenkrise?
Andreas Wittausch
: «Den ‚Bock‘ kennt man als solides und publizistisch faires Printmedium. Medienpartnerschaften mit lokalen Unternehmen und kommerzielle Begleitungen von Sport, Kultur und Gesellschaft sind beim ‚Bock‘ gern gesehen. Zudem werden wir neu den Bereich ‚Freiwilliger Abobeitrag‘ mit neuen Ideen fördern und so die Inserenten noch mehr an unsere Produkte binden.»

Sind Kooperationen mit anderen Zeitungen oder Unternehmen geplant oder denkbar, speziell auch im Digitalen? 
Wittausch
: «In der heutigen Zeit schaut man immer über die ‚Grenzen‘. Sicherlich gibt es einige Partner und Produkte, bei welchen eine Zusammenarbeit mit dem ‚Bock‘ Sinn machen würden. Bereits heute sind wir im Printbereich in der Inseratekombination ‚Swiss Regio Kombi‘ sehr gut eingebunden.»