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Mittwoch
27.05.2020

Medien / Publizistik

Von der «Bild» als Zeugen herangezogene Wissenschaftler distanzierten sich im Nachhinein von der Berichterstattung.

Die Virus-Angst geht zurück. Die rückblickenden Schuldzuweisungen für die immensen gesellschaftlichen Folgen bekommen langsam Hochkonjunktur.

Aktuell tobt in den «Bild»-Medien ein Gezänk der Experten zur Frage, ob Kinder das Virus übertragen können.

In der deutschen Boulevard-Zeitung wurde Anfang dieser Woche in reisserischer Aufmachung online über eine angeblich «grob falsche» Studie des Virologen Christian Drosten berichtet. Am Dienstag titelt Bild TV zu einem Beitrag: «Wissenschaftler werfen ihm vor, unsauber zu arbeiten.»

In der Studie, die von Drosten und seinem Team an der Berliner Charité erstellt und am 29. April als Vorpublikation in Fachkreisen veröffentlicht wurde, kommt der Star-Virologe zur Erkenntnis: «Kinder können genauso ansteckend sein wie Erwachsene.» Ein Satz mit weitreichenden Folgen, denn Drosten ist ein wichtiger Berater von Kanzlerin Angela Merkel. Für Bild TV stellt sich deshalb die Frage: «Wie lange weiss der Star-Virologe schon davon?»

Kitas und Schulen schliessen, wäre nämlich eine weitreichende Konsequenz, wenn die Studie von Drosten stimmt. Diese Frage bewegt in Deutschland nach wie vor die Gemüter.

Somit alles populistische Polemik oder was? Brisant jedenfalls: Von der Zeitung als Zeugen herangezogene Wissenschaftler distanzierten sich im Nachhinein von der Berichterstattung in den «Bild»-Medien. Trotzdem werden auf Bild-Live die Wissenschaftler Leonhard Held von der Uni Zürich, Dominik Liebl von der Uni Bonn, Christoph Rothe von der Uni Mannheim und Jörg Stoye von der Cornell University in New York nach wie vor als harte Kritiker von Drostens Studie vorgeführt.

Auch Drosten selber wurde am Montag vom Boulevardblatt zu einer Stellungnahme gebeten. Dieser machte die Anfrage des Journalisten auf Twitter öffentlich: Die «Bild» plane eine «tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang», schrieb der Wissenschaftler. Und er schloss seinen Tweet: Er habe «Besseres zu tun», als zu antworten.

Dazu veröffentliche Christian Drosten einen Screenshot der E-Mail des Bild-Redaktors Filipp Piatov, in einer ersten Version samt dessen Handynummer. Später tauschte Drosten das Bild gegen eines aus, auf dem die Nummer nicht mehr zu erkennen war. In der Mail gibt der «Bild»-Mann Drosten nur gerade eine Stunde Zeit, auf die Fragen zu antworten.

Kurz nach Drostens Tweet ging der «Bild-Artikel» von Piatov online – ohne eine Replik des Virologen.

Drei der vier zitierten Wissenschaftler – Liebl, Rothe und Stoye – haben sich mittlerweile deutlich von der «Bild»-Berichterstattung distanziert. Der Statistiker Stoye gab dem «Spiegel» ein Interview, in dem er erklärt, dass seine Zitate aus einem wissenschaftlichen Aufsatz entnommen und von der «Bild»-Zeitung teilweise sinnentstellend übersetzt und aus dem Zusammenhang gerissen wurden.

Inhaltlich halten Stoye und seine Kollegen an ihrer Kritik an der Studie teilweise aber fest. Es seien noch zu wenig Kinder untersucht worden und Schlussfolgerungen müssten mit Vorsicht genossen werden.

Tatsächlich ist es im Wissenschaftsbetrieb üblich, dass in Aufsätzen und im Review-Verfahren auch deutliche Kritik an ganz frischen Studien geäussert wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Studien an sich «grob falsch» oder «komplett daneben» sind, wie die «Bild» holzschnittartig darstellen will. Zumal die Zeitung andeutet, Drosten habe mit der Studie womöglich absichtlich auf ein bestimmtes Ergebnis hingearbeitet.

In den sozialen Medien wurde seither vor allem die extrem knappe Frist von nur einer Stunde kritisiert, die der Bild-Redaktor Piatov Drosten zum Antworten gab. «Bild»-Chefredaktor Julian Reichelt erklärte dazu auf Twitter, Drosten hätte «um Fristverlängerung bitten» können.

Dem Virus wird der Expertenstreit trotzdem noch nicht den Garaus machen.