Content:

Montag
2.10.2017

Medien / Publizistik

«Ab morgen kriegen sie in die Fresse»

Die Woche nach den Bundestagswahlen in Deutschland warf hohe Wellen bezüglich Mittäterschaft der Medien beim Aufstieg der Rechtsaussenpartei Alternative für Deutschland (AfD).

Trotz grosser Kritik an allen Leitmedien, überproportional häufig über die «Konservativen, neuen Nationalisten, Rassisten und politischen Gaukler» (Heribert Prantl) zu berichten - siehe dazu auch im Klein Report «AfD und Holzmedien sind Quotenkumpels» -, reisst die Popularisierung vulgärer, rassistischer und menschenverachtender Slogans in den sogenannten Leitmedien nicht ab.

Die Klein Report-Kolumnistin und Medienexpertin Regula Stämpfli macht sich Gedanken über die Gründe.

Die Tage waren von Empörung, gegenseitiger Schuldzuweisung und der ständigen Wiederholung dumpfer Volksrhetorik geprägt. Die linksliberale Wochenzeitung «Die Zeit» titelte schon am 24. September prominent das «Wahlprogramm» der neu in den Bundestag einziehenden 12,6-Prozent-Partei AfD: «Wir werden sie jagen».

Dies blieb der meistzitierte Satz der Bundestagswahl. Das besonnene Plädoyer - einer stabilen Demokratie durchaus angemessen - der wiedergewählten Bundeskanzlerin Angela Merkel, sich nun für die Koalitionsverhandlungen Zeit zu lassen und erstmal «eine Nacht drüber zu schlafen», hatte im Vergleich dazu keine Chance, in Leitartikeln, Kommentaren und Analysen zum schwierigen Wahlergebnis in Deutschland Eingang zu finden.

Obwohl seit der Wahl des Skandal-Twitterers ins Weisse Haus viel über die Popularisierung und das Framing politischer Slogans bekannt ist, tappen die Leitmedien immer wieder in die Falle, lieber einen Skandal zu publizieren, als die für Demokratien relevante Informationen zu verbreiten. Dieses Konzept machen sich nun alle Politiker und Politikerinnen zu eigen.

So war es sicherlich kein Zufall, dass die für ihre Derbheit in den eigenen Kreisen bekannte SPD-Ministerin Andrea Nahles nach der grossen Niederlage der SPD bei den Wahlen eine Twitter-Debatte initiierte. Mit ihrem Spruch «Ab morgen kriegen sie in die Fresse» - laut eigenen Aussagen ein Scherz am Rande einer Kabinettssitzung - füllte die Politikerin sämtliche Leitmedien, Gazetten und Tweets.

Der Hashtag #IndieFresse eröffnete eine Debatte über ihren Satz. Resultat des Hashtags war die Aufnahme des #IndieFresse in den Leitmedien inklusive neue Deutung. So sieht die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) in der einer demokratischen Debatte völlig unangebrachten Primitivität Nahles` eine regelrechte «Kampfansage» an den ehemaligen Koalitionspartner. Schwupp, so schnell kann es gehen. So wurde aus der niedergeschlagenen SPD dank vulgärer Sprache, körperlicher Drohung und als «Scherz» verkleidet eine kämpferische Truppe, die sich in der neuen Rolle der Opposition wohlfühlt.

Aus der Sicht der neu designierten Franktionschefin Nahles hat sich also der vulgäre «Scherz» perfekt gelohnt. Die SPD erschien dank obszöner «In die Fresse»-Drohung nicht mehr als Verliererpartei, sondern kämpferisch und gut vorbereitet für die Oppositionsarbeit, die sie am Wahlabend selber einfach so verkündete.

So erreichte die erste weibliche Franktionschefin der SPD auch, dass der Entscheid einer Volkspartei, zwar den Kanzler stellen zu wollen, nach der Wahlniederlage noch am Wahlabend selber sofort jede politische Verantwortung für das Land weit von sich zu weisen, nicht mehr kritisch diskutiert wurde. Dabei ist genau dieses Verhalten der SPD ein demokratietheoretischer Skandal, der tagelang die Analyse- und Kommentarspalten der Leitmedien füllen müsste.

Stattdessen wird ein unterirdischer «Scherz» der wahrhaft vulgärsten und primitivsten und gewaltverherrlichenden Sorte als «Kampfbereitschaft» und Zeichen der wieder auflebenden Stärke der SPD gedeutet.

Fazit der üblen Wahlberichterstattung in den Medien: Primitivität, Brutalität, üble Rede, vulgäre Ausdrücke, völlig fehlplatzierte historische Vergleiche sind gerade für die sozialen Medien die neuen Werbetools. Sie garantieren bestes Aganda-Setting. Höchste Zeit, dass Medienschaffende, die vorgeben, Information, kritische Berichterstattung und Qualitätsjournalismus zu betreiben, nicht ständig in diese Polit-Werbefallen tappen und mittels Vulgarisierung, Attacke und Primitivität zum Steigbügelhalter demokratiefeindlicher Rhetorik werden.