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Dienstag
07.05.2019

Medien / Publizistik

Rettet oder killt die Zentralredaktion den Qualitätsjournalismus? Dieser Frage sind Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia und «SonntagsZeitung», Lis Borner, Chefredaktorin Radio SRF, und Daniel Wechlin, stellvertretender Chefredaktor NZZ, am Montagabend an einem Podium des Vereins Medienqualität Schweiz auf den Grund gegangen.

Für Arthur Rutishauser ist der Fall klar: Mantelredaktionen sind in der Schweiz – bald eineinhalb Jahre nach deren Einführung bei Tamedia – zur Norm geworden.

Im Interview mit dem Klein Report relativierte er die Aussagekraft von Studien, wonach die Qualität beim «Tages-Anzeiger» seit der Einführung der Zentralredaktion abgenommen haben soll.

Welchen Einfluss hatte die Einführung der Mantelredaktionen Ihrer Meinung nach auf die Qualität der Medien von Tamedia?
Arthur Rutishauser: «Ich glaube, dass es uns gelungen ist, die Qualität des Mantels hoch zu halten.»

Wie erleben Sie die Dynamik und Stimmung in Ihrer Mantelredaktion – im Unterschied zu einer «gewöhnlichen» Redaktion, die nur für einen Titel arbeitet?
Rutishauser: «Wir müssen uns natürlich immer bewusst sein, dass wir eine viel breitere Leserschaft haben als vorher, als wenn man beispielsweise nur für die ‚Berner Zeitung’ oder nur für den ‚Tagi’ schrieb. Ansonsten gibt es, glaube ich, mit Ausnahme der NZZ kaum mehr eine sogenannt ‚gewöhnliche’ Redaktion. Mantelredaktionen sind Standard geworden.»

Überrascht es Sie, dass nach Tamedia unter anderem auch CH Media mit einer Zentralredaktion nachgezogen ist?
Rutishauser: «Nein, natürlich nicht. Es geht ganz einfach um Skaleneffekte – und die sind recht gross. Die werden nun ausgenutzt. Sonst hätte man den Verbund gar nicht machen müssen.»

Gemäss Jahrbuch «Qualität der Medien» haben Zentral- und Mantelredaktionen zu einem «markanten Vielfaltsverlust» geführt: Deckt sich diese Aussage mit Ihren eigenen Beobachtungen?
Rutishauser: «Na ja, wenn es weniger eigenständige Redaktionen gibt, die über das Inland oder Wirtschaftsthemen schreiben, dann gibt es weniger Vielfalt. Aus Sicht des Lesers ist das aber meist nicht der Fall, denn die grosse Mehrheit liest nur eine Zeitung. Wenn man die Medienszene der Deutschschweiz generell anschaut, gibt es für die überregionale tägliche Berichterstattung de facto noch vier Redaktionen: Tamedia, NZZ, Ringier, CH Media und dazu die SRG.»

Im Jahrbuch «Qualität der Medien» wurden die Deutschschweizer Tamedia-Titel als Negativbeispiel hervorgehoben …
Rutishauser
: «Dass im letzten Ranking der ‚Tages-Anzeiger’ abgestraft wurde, weil es eine Mantelredaktion gibt, finde ich völlig unverständlich, willkürlich und unwissenschaftlich. Für ein Uni-Institut wie das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) ist das penibel. Was machen die denn jetzt mit den CH-Medien? Werden im nächsten Ranking die ‚Aargauer Zeitung’ und das ‚St. Galler Tagblatt’ abgestraft? Und falls nicht, entschuldigt sich das Fög bei uns?»

Neben der Vielfalt wird auch die Medienqualität mit diversen Rankings gemessen: Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt ein zuverlässiges Instrument, um Medienqualität messen und vergleichen zu können?
Rutishauser: «Eine allgemeingültige Formel gibt es nicht. Ein solches Ranking ist immer bis zu einem gewissen Grad subjektiv. Aber genau darum müsste die oberste Priorität sein, dass Transparenz herrscht. Für jeden Leser der Studie müsste nachvollziehbar sein, wie es entsteht. Also konkret: Wenn denn der ‚Tagi’ schlechter wurde, warum? Welchen Einfluss hatte der Vielfaltsfaktor? Wie wurde der gewichtet? Warum beim ‚Tagi’? Und wenn der Absender ein Uni-Institut ist, dann bitte nachvollziehbar samt Daten ...»

Gibt es weitere Punkte, die Sie beim Medienqualitätsranking kritisieren?
Rutishauser: «Ein weiterer Punkt ist, dass irgendwie ja auch der Zufriedenheitsfaktor der Leser reingemischt wird. Darum sind ‚Weltwoche’ und ‚Wochenzeitung’ (WOZ) gut im Ranking, denn da muss man entweder links sein und links schreiben, dann hat man das WOZ-Publikum befriedigt, oder man schreibt entlang dem Parteibuch der SVP, das ist gut für die ‚Weltwoche’. Wir hingegen beliefern Forumszeitungen, die einen politisch neutralen Mantel wollen. Da kann und soll es sein, dass einmal ein Standpunkt links oder rechts von der Meinung des Lesers liegt. Darum kommen wir schlechter weg. Die Frage ist zudem, stimmt das Kriterium? Fördert man nicht Bubble-Medien, anstatt dass man die Medien dazu ermuntert, zu schreiben was ist, ob es nun ins Weltbild passt oder nicht? Ich glaube das Fög ist hier demokratiepolitisch völlig falsch unterwegs.»

Zurück zu Tamedia: Wo sehen Sie in der Organisation der Mantelredaktion noch Verbesserungspotenzial?
Rutishauser: «Es gibt immer etwas zu verbessern. Jetzt sind wir an einem Projekt, um auf ‚Mobile-First’ umzustellen. Das ist eine grosse Herausforderung.»

In welchen Bereichen hat sich die Mantelredaktion besonders gut bewährt?
Arthur Rutishauser: «Wir hatten grosse Recherchen wie die ‚Paradise Papers’, die Spesenaffäre unseres Militärs, Enthüllungen zu Gianni Infantino inklusive Michael Laubers Geheimtreffen und viele weitere Geschichten. Letzten Samstag hatten wir einen grossen, sehr mutigen Beitrag von Kai Strittmatter: ‚Die Schweiz ist schier atemberaubend naiv.’ Ich glaube, wir machen inhaltlich einen sehr guten Mantel.»