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Sonntag
10.11.2019

Medien / Publizistik

Einer der grossen Schweizer Medienverlage wolle eine eigene Nachrichtenagentur gründen, liest man. Nur, können die das überhaupt?

Für den Klein Report nimmt der Journalist Martin A. Senn einige aktuelle Nachrichtenbeiträge aus den Zeitungen vom Mittwoch unter die Lupe. Ein Kommentar.

«Bombardier-Züge machen Fortschritte», weiss das Tamedia-Blatt «BaZ». «Zuverlässigkeit des Dosto steigt», lobt die «Südostschweiz» von Somedia. «Pannenzug vor Bewährungsprobe», hat das CH-Media-Blatt «Luzerner Zeitung» herausgefunden. Und nur die NZZ titelte, was guten Gewissens offenbar wirklich zu melden ist: «Bombardier rührt die Werbetrommel für den Pannenzug».

Aber wieso um Himmels Willen schrieben ausgerechnet heute alle darüber? Und überall sagte ein gewisser Herr Wettstein allerlei Gutes über den Zug. Herr Wettstein, soviel erfahren wir, ist Schweiz-Chef der Firma Bombardier. Die Firma ist demnach offenbar nicht schweizerisch, aber das weiss die Leserschaft der Qualitätspresse natürlich, und abgesehen davon braucht so ein Herkunftsadjektiv ja auch närrisch viel Platz.

Herr Wettstein also lobt den Zug, den seine Firma laut NZZ herstellt. Das tut Herr Wettstein in Zürich, soviel erfahren wir ebenfalls in der NZZ. Dass er das gestern machte, meldet der Tamedia-Reporter. Und zwar an einer Medienkonferenz, wie wir dank den Medien von CH-Media wissen. Und Somedia meldet sogar, dass Herr Wettstein gestern vor den Medien referierte.

Aber wohlverstanden: Kein einziges dieser Blätter meldet alles. Dass nämlich Herr Wettstein, der Schweiz-Chef des kanadischen Konzerns Bombardier, gestern an einer Medienkonferenz in Zürich über die Verbesserungen, die seine Firma am Dosto-Zug erreicht habe, berichtete. Kein einziges meldet, ob Bombardier selbst zur Medienkonferenz eingeladen hat, ob Herr Wettstein seine Zahlen auf Charts in einem Sitzungszimmer präsentierte und ob die Medienleute die Möglichkeit erhielten, auf einer Strecke mitzufahren. Wahrscheinlich nicht.

Aber wieso schreibt denn das keiner? Weil’s peinlich wäre, eine halbe Seite lang zu schreiben, wie toll ein Bier gemäss seinem Brauer schmeckt und am Schluss anzufügen, dass man es leider nicht selber degustieren konnte?

Aber dieses Bier hier ist bekanntlich bereits im Verkauf. Auf der Strecke Chur-Zürich-Basel fahren die Dosto-Züge schon. Wieso also nicht ein paarmal hin- und herfahren? Mit dem Laptop, einem Stapel Festtagskärtchen und einem vollen PET-Fläschchen. Und dann selber testen, ob man ruhig einen Artikel tippen und von Hand ein ordentliches Weihnachtskärtchen schreiben kann. Und ob das Fläschchen auf dem Tischchen dort stehenbleibt, wo man es hingestellt hat. All das natürlich im unteren und im oberen Stock, in der ersten und in der zweiten Klasse. Und dafür die Meldung über die Medienkonferenz denen überlassen, die gelernt haben, wie das geht.