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Montag
08.07.2019

Medien / Publizistik

Gaudenz Looser: «In mir steckt viel Boselli»

Gaudenz Looser hat die «20 Minuten»-Chefredaktion von Marco Boselli übernommen. Im langen Interview mit dem Klein Report spricht er über seine publizistischen Ziele und darüber, wie Print und Online sich auch in Zukunft noch ergänzen können.

Gratulation zu Ihrer neuen Funktion: Wie fühlen Sie sich?
Gaudenz Looser: «Der Moment der Stabübergabe in der Redaktion war sehr emotional.»

Ihr Vorgänger Marco Boselli war fast 16 Jahre Chefredaktor von Tamedias Pendlerzeitung. Wird nun alles anders? Oder bleibt alles beim Alten?
Looser
: «Ich führe das Tagesgeschäft schon länger im Sinne von Marco Boselli und sehe keinen Grund, an diesem höchst erfolgreichen Kurs sofort Grundsätzliches zu verändern.»

Welche Dinge möchten Sie bestimmt so weiterführen wie ihr Vorgänger?
Looser
: «20 Minuten Schweiz hat sich im Unterschied zu den Schwesterausgaben in Frankreich und Spanien von der Kern-DNA nie verabschiedet. Während die Franzosen ihr Glück in einer Intellektualisierung und die Spanier in einem Abschied von der konsequenten politischen Neutralität gesucht haben, ist 20 Minuten Schweiz immer noch ein politisch neutrales, serviceorientiertes und unterhaltendes Newsmedium für die breite Masse. Daran werde ich bestimmt nichts ändern.»

An welchen Dingen möchten sie publizistisch schräubeln?
Looser
: «´20 Minuten` hat sich inhaltlich ständig weiterentwickelt. Jede neue Generation von Leserinnen und Lesern hat eigene Schwerpunktthemen und Vorlieben, die wir in der Redaktion rechtzeitig scouten, verstehen und abbilden müssen, um eben diese Leserinnen und Leser zu gewinnen.» 

...und organisatorisch: Was möchten Sie in der Redaktion ändern?
Looser
: «Für die Redaktionsorganisation gilt dasselbe: Auch hier ist der stetige Wandel eigentlich eine Konstante. Und drittens werden wir mit aufwändigeren Arbeiten wie der Loredana-Recherche und den Enthüllungen zur Migros Neuenburg-Freiburg vermehrt journalistische Leuchttürme setzen.»

Über Jahre war «20 Minuten» ein zuverlässiger Einnahmengarant, im letzten Jahr wurde es plötzlich zum Sorgenkind: 2018 hat das Medium über zehn Millionen Franken Umsatz eingebüsst. Die Print-Werbeeinnahmen waren sogar im zweistelligen Bereich rückläufig, trotz anhaltend hoher Reichweite. Wie erklären Sie sich diese plötzlichen Rückgänge?
Looser
: «Richtig ist, dass wir im Jahr 2018 gegenüber dem Allzeit-Rekordjahr 2017 rückläufig waren. 2019 werden die Print-Rückgänge aber durch Online wieder überkompensiert. Kurz: Jedes andere Medienunternehmen würde sich ein ´Sorgenkind` wie 20 Minuten wünschen.» 

Ziehen sie als neuer Chefredaktor publizistische Schlüsse daraus?
Looser
: «Ich bin für den Lesermarkt zuständig, nicht für den Werbemarkt. Einer meiner Aufträge ist es, die Reichweite zu steigern, das machen wir mittels ständiger inhaltlicher Weiterentwicklung. Zudem ist es unser Ziel, den Newskonsum für den Leser mittels neuen Storytelling-Formen und technologischen Anpassungen laufend noch bequemer und angenehmer zu machen. Solange ich das sicherstellen kann, hat der Verlag auch die Möglichkeit, neue Einkommensquellen zu erschliessen oder zu entwickeln.»

Wie möchten Sie die reichweitenstarke Marke «20 Minuten» weiterentwickeln?
Looser
: «´20 Minuten` steht als junges Medium für Information und Unterhaltung, für Debatte und Aktualität. Aber auch für Heimat und Community. Das soll so bleiben. Wir dürften etwas stärker unserem Gewicht entsprechend als Nummer eins auftreten – entsprechend auch unsere aktuelle Kampagne zum 20-Jahr-Jubiläum. Gleichzeitig wollen wir aber nie unbescheiden sein: Es geht nicht um uns, sondern um unsere Leserinnen und Leser.»

Tamedia plant, Roger Schawinskis Planet 105 zu übernehmen und in «20 Minuten Music» zu integrieren. Sind Sie als Chefredaktor auch für die Produktion der Radio-Beiträge verantwortlich?
Looser
: «Ich rede bei der Konzeption sicher intensiv mit und wir planen eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Radio-Team und der ´20 Minuten`-Redaktion. Der Sender wird von der bestehenden Planet-105-Crew bespielt, die inhaltliche Verantwortung liegt bei uns.»

Wie wird diese redaktionelle Zusammenarbeit konkret aussehen?
Looser
: «Wir sind jetzt daran, die Details dazu auszuarbeiten. Sicher ist: Wir machen eine neue Art Radio.»

Wird es «20 Minuten» in fünf Jahren als Papierheftchen, das am Bahnhof aufliegt, noch geben? 
Looser
: «Solange die Werbetreibenden den Wert der einzigen Publikation erkennen, die auf einen Schlag im ganzen Land Aufmerksamkeit für ihre Botschaften erregen kann, gibt es auch ´20 Minuten` Print.»

Und unabhängig vom Werbemarkt: Braucht es Print noch?
Looser
: «Fürs Publikum liegt der Hauptnutzen unserer Zeitung in der Begrenzung und der Gewichtung für den eiligen Leser, der sich informieren will. Wenn Online ein riesiges Buffet ist, bei dem man aus unzähligen Gerichten selber auswählen kann, ist die Zeitung das ausgewogene Menü, in dem eine auserlesene Kombination von Nahrungsmitteln in sättigender Menge serviert wird. Für beide Angebote gibt es nach wie vor eine gesunde Nachfrage.»

Wie ist es für Sie persönlich, in die Fussstapfen eines so «altgedienten» Vorläufers wie Marco Boselli zu treten?
Looser
: «Ich schätze Marco Bosellis publizistisches Selbstverständnis, seine unaufgeregte Art, zu führen und Herausforderungen mit grossem strategischem Flair anzugehen, sehr - entsprechend werde ich ihn als Chef vermissen. Gleichzeitig steckt nach 14 Jahren unter ihm viel Boselli in mir und ich habe nicht das Bedürfnis, sofort an jeder Ecke persönliche Duftmarken zu setzen. Ich werde seine Arbeit weiterführen und entsprechend den Bedürfnissen der Leserschaft weiterentwickeln.»

Lorenz Hanselmann wird Stv. Chefredaktor und Désirée Pomper nimmt Einsitz in die Chefredaktion. Wie ist die Chemie zwischen Ihnen? 
Looser
: «Mit Lorenz Hanselmann und Désirée Pomper verbindet mich eine langjährige berufliche Freundschaft. Wir sind seit zehn Jahren ein eingespieltes Team, wissen genau, wie 20 Minuten tickt, und ergänzen uns in unseren Eigenschaften hervorragend.»