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Donnerstag
23.04.2026

Medien / Publizistik

Die Medien verlangen von Anna Netrebko eine «Gesinnungsprüfung»... (Bild: zVg/ © Phil Dera)

Die Medien verlangen von Anna Netrebko eine «Gesinnungsprüfung»... (Bild: zVg/ © Phil Dera)

Die Debatte um Anna Netrebko in der Schweiz hat eine Dimension erreicht, die weit über den kulturellen Diskurs hinausgeht. Ein Meinungsbeitrag von Peter Wäch.

Was als legitime politische Fragestellung begann, hat sich in weiten Teilen der hiesigen Medienlandschaft zu einer regelrechten Mobilmachung gegen die Starsopranistin aus Russland konstruiert.

Besonders die jüngsten Entwicklungen rund um ihr geplantes Konzert im Stadtcasino in Basel Ende 2026, wo der Opernstar erstmals die Judith in Béla Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» singen wird, zeigen ein klares Muster der Eskalation auf.

Unter massivem Druck ukrainischer Aktivisten und diplomatischer Interventionen – allen voran durch die Botschafterin Iryna Wenediktowa – wird versucht, Auftritte einer Künstlerin zu verhindern, die sich bereits mehrfach öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen hat. 

Dabei schrecken Kritiker auch vor einer Sprache nicht zurück, die jede Verhältnismässigkeit vermissen lässt und im Gegenteil noch weiter abgeschafft wird. So formulierte die ukrainische Aktivistin Tetyana Polt in drastischen Worten, sie fände es zynisch, «einen Friedengruss vom Killer zu erhalten». Ein Diskurs, auch wenn Netrebko nicht direkt gemeint ist mit «dem» Killer, der die Parameter einer Diffamierungskampagne offenbart.

Wie in der nationalen wird auch in der Basler Presse diese Stimmung bereitwillig befeuert. Journalisten wie Oliver Sterchi («Basler Zeitung») und Nora Hoffmann («bz Basel») haben sich in ihren Kommentaren und Berichten teils tief in die moralische Schützengraben-Mentalität begeben. 

Dass die Situation im vergangenen Jahr in Zürich so weit eskalierte, dass das Opernhaus bei einer Premierenfeier aus purer Vorsicht Sicherheitsmassnahmen für Netrebko ergriff, markiert einen Tiefpunkt der Schweizer Debattenkultur. 

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wird oft ignoriert, dass die Forderung nach einer expliziten, namentlichen Distanzierung von Wladimir Putin für eine russische Staatsbürgerin mit dort lebender Familie existenzielle Gefahren birgt. Die Medien verlangen trotzdem eine «Gesinnungsprüfung», die das reale Risiko für Leib und Leben ausblendet.