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Dienstag
21.04.2026

Medien / Publizistik

Das bisherige WOZ-Design hat 15 Jahre gehalten. Florian Keller (Bild) und das Team der «Wochenzeitung» haben sich für den Entwurf von Martin Stoecklin und Melina Wilson entschieden... (Bild: zVg)

Das bisherige WOZ-Design hat 15 Jahre gehalten. Florian Keller (Bild) und das Team der «Wochenzeitung» haben sich für den Entwurf von Martin Stoecklin und Melina Wilson entschieden... (Bild: zVg)

Die «Wochenzeitung» erscheint diese Woche nach längerer Arbeit mit einem Relaunch. Der Klein Report hat mit Florian Keller, der in der Redaktionsleitung ist und das Ressort Kultur/Wissen betreut, über die «neue WOZ» geredet.

Die «Wochenzeitung» (WOZ) spricht von einer «Neuerfindung»: Was genau war denn am bisherigen WOZ-Design nicht mehr zeitgemäss? Warum kommt dieser Relaunch genau jetzt?

Florian Keller: «Das bisherige WOZ-Design von Helen Ebert hat sich mehr als fünfzehn Jahre gehalten. Es war damit mit Abstand das langlebigste Zeitungsdesign in der Geschichte der WOZ – und wirkt eigentlich auch heute noch erstaunlich frisch. Aber jedes Layout ist immer auch ein Korsett. Das wollten wir mal aufbrechen, um die WOZ auch publizistisch neu zu sortieren. Zum Beispiel, dass der zweite Bund neu mit der Kultur startet: Diese Idee war schon ein Thema, als ich vor zwölf Jahren zur WOZ wechselte. Hat jetzt halt etwas länger gedauert.»

Das neue Layout wurde vom Zürcher Grafikbüro Stoecklin & Wilson entworfen. Wie funktionierte die Zusammenarbeit konkret?

Florian Keller: «Wir haben vier Grafikbüros eingeladen, Ideen für ein Redesign zu entwickeln, dabei hat sich das WOZ-Kollektiv für den Entwurf von Martin Stoecklin und Melina Wilson ausgesprochen. Die Zusammenarbeit war dann sehr angenehm und lief erstaunlich reibungslos – erstaunlich deshalb, weil die WOZ als basisdemokratischer Betrieb sicher anders funktioniert als andere Auftraggeber. Konkret war eine Arbeitsgruppe dafür verantwortlich, die Entwicklung des Redesigns zu begleiten. Darin vertreten waren alle Bereiche, die es dafür brauchte, von der Redaktion über das Layout bis zur Bildredaktion – und nach Bedarf, namentlich beim Logo, auch Leute aus dem Verlag. Dabei mussten wir feststellen, dass es manchmal produktiver war, gewisse Fragen in kleinerer Besetzung zu behandeln, nicht immer in der ganzen Arbeitsgruppe. Gerade bei Gestaltungsfragen ist es sicher keine gute Strategie, wenn immer alle mitreden.»

Die WOZ will sich nach eigenen Angaben mehr «ins politische Getümmel stürzen». War die Zeitung bisher zu zurückhaltend?

Keller: «Das denke ich nicht. Die WOZ bietet ja verlässlich politische Orientierung, das soll auch so bleiben. Das 'politische Getümmel' bezieht sich in erster Linie auf die neue Seite 3, wo wir unter dem Titel 'Vorort' künftig jede Woche von einem aktuellen politischen Schauplatz berichten – vor Ort eben. Das kann überall sein, quasi vor der Haustür, aber auch, dank unseren Korrespondent:innen, irgendwo sonst auf der Welt.»

Neu setzt die WOZ pro Ausgabe ein zentrales Titelthema. Nach welchen konkreten Kriterien und mit welchem redaktionellem Prozedere wählen Sie diese Themen aus?

Florian Keller: «Mit dem Wochenthema wollen wir im ersten Bund künftig noch entschiedener Schwerpunkte setzen, auf bis zu fünf Seiten – sei es zur politischen Aktualität oder auch mit grossen Eigenrecherchen. Im Normalfall wird das Wochenthema aus dem Politikressort kommen, aber regelmässig soll dort auch Platz sein für Themen aus dem neuen Gesellschaftsressort. An unseren journalistischen Kriterien ändert sich dadurch nichts, am redaktionellen Prozedere auch nicht: Abschliessend diskutiert und entschieden wird jeweils im Kollektiv, in der grossen Redaktionssitzung.»

Im neuen Ressort «Gesellschaft» soll alles mögliche stattfinden: Bildung, Gesundheit, Erziehung, Sexualität, Konsum, Ökologie und Naturwissenschaften. Ist das einfach eine Sammelrubrik für alles, was sonst keinen Platz hat? Oder welche Überlegungen stehen hinter Schaffung und Benennung des neuen Ressorts?

Keller: «Diese Themen fanden schon bisher regelmässig Platz in der WOZ, aber künftig werden sie auch ihren eigenen Ort in der Zeitung haben – und ein eigenes Team. Der Name sagt es schon: Im Ressort 'Gesellschaft' geht es ums Zusammenleben, um das, was uns verbindet. Also um das Politische im Alltäglichen, und damit auch um die Frage nach dem 'guten Leben' – was ja seit jeher ein zentrales Anliegen linker Praxis ist. Wir nehmen damit auch ein Bedürfnis vieler Leser:innen auf, die den Journalismus der WOZ schätzen, die aber manchmal etwas erschlagen sind von dem versammelten Elend der Welt, über das wir berichten. Das nicht mehr zu tun, ist keine Option. Die WOZ will aber auch Auswege aus dieser Newsdepression öffnen. Mehr Vielfalt kann ein Mittel gegen die fortschreitende News-Deprivation sein.»

Neu gibt es in der WOZ-App eine Hörfunktion. Was genau wird hier neu geboten?

Florian Keller: «Wir haben das noch nicht gross beworben, aber auf der Website kann man sich die WOZ bereits seit Februar 2025 auch vorlesen lassen. In unserer App war es damals nicht möglich, dieses Feature nachträglich einzubauen. In der neuen WOZ-App, die wenige Wochen nach dem Relaunch der Printzeitung zu erwarten ist, haben wir die Hörfunktion nun aber integriert.»

Das eine ist Audio, eine ganz andere Sache ist Video. Kann ein kleines Medium wie die WOZ mit ihren so bescheidenen Werbeeinnahmen bei der digitalen Transformation überhaupt mithalten?

Keller: «Fragt sich halt, was damit gemeint ist: bei der digitalen Transformation mithalten. Heisst das, dass die WOZ beim grassierenden KI-Hype nicht mitmacht, wie das grosse Medienhäuser tun, die damit zusehends ihre journalistische Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? Dann soll es uns recht sein, wenn die WOZ da nicht mithält. Was Video betrifft: Die wöchentliche Zeitung – digital oder auf Papier – wird unser Kerngeschäft bleiben. Zugleich haben wir aber inzwischen ein kleines Videoteam aufgebaut, um unsere Inhalte auch auf anderen Kanälen besser unter die Menschen zu bringen.»

Sie beschreiben einen «Sturm» aus Oligarchen, KI und Monopolisierung, der die Medien derzeit überall unter Druck setzt. Wie sieht die Überlebensstrategie der WOZ aus?

Florian Keller: «Die WOZ wird nach wie vor zu 90 Prozent von ihren Leser:innen finanziert, grösstenteils über Abos. Die wissen, dass es unabhängigen Journalismus, wie ihn die WOZ leistet, nicht umsonst gibt. Abos sind die finanzielle Basis der WOZ, das wird auch so bleiben.»