Der österreichische Journalist Heimo Kofler zur Causa Patrick Fischer. Eine Aussenansicht für den Klein Report.
Die Affäre um den entlassenen Schweizer Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer sorgt auch im Ausland für Stirnrunzeln. Der österreichische Sportjournalist Heimo Kofler spricht im Interview mit dem Klein Report von einer «Mixtur zwischen Verehrung und Hexenjagd» – und sieht eine Debatte, die dem Schweizer Eishockey zunehmend schade. Gleichzeitig fordert er von Fischer ein klares Bekenntnis zu seinen Verfehlungen.
Heimo Kofler, die Schweiz ist seit vorletztem Montag in Ausnahmezustand wegen der Causa Patrick Fischer. Wie beurteilen Sie aus der österreichischen Halbdistanz die Geschichte?
Heimo Kofler: «Ich würde zumindest von einer Dreivierteldistanz sprechen. In Vorarlberg werden die Karrieren von Vinzenz Rohrer, Dominic Zwerger, Fabio Hofer und anderen Spielern bei den Schweizer Nationalliga-A-Klubs mit Interesse verfolgt. Jonas Taibel, ebenfalls in Vorarlberg geboren, bekam in der Ära von Patrick Fischer seine ersten Einsätze im eidgenössischen Teamdress. Und Ralph Krueger war nach seiner Ära in Feldkirch einer der Wegbereiter für die anhaltenden Erfolge der Nati.
Zurück zur Frage der Beurteilung. Das Drama um Fischer scheint in der Schweiz die Dimensionen des Wilhelm Tell zu erreichen. Was einerseits der grossartigen sportlichen Erfolge des Trainers der Nation geschuldet ist, andererseits allerdings mit den Problemen der Covid-Pandemie vermischt wird. Eine Mixtur zwischen Verehrung und Hexenjagd, die dazu geeignet scheint, vielfach die Sicht der Dinge zu trüben und dem Schweizer Eishockey mit jedem Debattenbeitrag mehr Schaden zufügt.»
Normalerweise erlebt man solche medialen Dramen eher in Österreich. Wie hätte der österreichische Verband wohl reagiert?
Kofler: «In Österreich ist der Stellenwert des Eishockeys – trotz der zuletzt grossartigen Erfolge der Nationalmannschaft unter der Ägide des Winterthurers Roger Bader – bei weitem nicht in jenen Dimensionen unterwegs, die es in der Schweiz erreicht. Wahrscheinlich hätte es ähnliche Reaktionen gegeben: Das olympische Komitee wäre gezwungen gewesen, den Trainer zu verurteilen, der Verband hätte eine Suspendierung ausgesprochen. Mehr Aufmerksamkeit hätte so ein Fall definitiv im österreichischen Fussball verursacht.»
Können Sie die Entlassung von Fischer nachvollziehen?
Kofler: «Mit der Fälschung des Covid-Zertifikats und den bekannt gewordenen Verkehrsdelikten hat Fischer jene selbst auferlegte Grenzen von Werten und Moral verletzt, die er von seinen Spielern abverlangte. Noch dazu trat er zuerst öffentlich als Impfgegner auf, um sich dann für die Winterspiele, wie man heute weiss, nur scheinbar immunisieren zu lassen.
Es ist zur Kenntnis zu nehmen, dass er ein wegen Urkundenfälschung verurteilter Coach ist. Mit der Affäre hat der Schweizer Sport eine Vorbildwirkung und viel Glaubwürdigkeit verloren. Es fühlen sich jene Bürger, die sich den Einschränkungen freiwillig aufgrund der damaligen medizinischen Erkenntnisse unterworfen haben, betrogen. Fischer dürfte die Situation vor den Peking-Spielen ebenso unterschätzt haben wie jene, die nach dem Bekenntnis aufschwappt. Er ist der Täter und nicht das Opfer. Fischer müsste reinen Tisch machen und die Diskussionen im Vorfeld der Weltmeisterschaft mit einem klaren Statement zu seinen Verfehlungen beruhigen.»
Mit der Zertifikats-Fälschung bricht die ganze Corona-Thematik wieder auf. Ist dieses Thema in Österreich verarbeitet?
Kofler: «Die Diskussionen bekommen ständig neue Nahrung, sei es durch neue medizinische Erkenntnisse über die Pandemie, aber auch durch eine verfehlte politische Einschätzung mit immens hohen finanziellen Auswirkungen.»
Im Fokus steht auch der SRF-Journalist Pascal Schmitz. Wie stufen Sie seine Rolle ein?
Kofler: «Schmitz ist mittlerweile in der Affäre mehr Opfer als Fischer. Er sass mit dem Nationalteamtrainer nicht allein am Mittagstisch, als sich dieser ziemlich nonchalant offenbarte. Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich ein anderer Teilnehmer dieser Unterhaltung des Themas annimmt. Hätte Schmitz die Geschichte nicht an die Öffentlichkeit gebracht, wäre er später wohl für sein Mitwissertum gegeisselt worden.
Nebenbei schwindet die Bedeutung der sogenannten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in der Publikumsgunst: In Zeiten von Diskussionen um SRG-Initiative, politischer Vereinnahmung und journalistischen Standards sind Geschichten um TV-Journalisten wie Schmitz willkommene Blitzableiter.»
War es legitim, dass er die Off-the-Record-Information weiterverfolgte?
Kofler: «Es stellt sich wohl eine andere Frage, die offenbar immer noch nicht beantwortet ist: Wer war es, der Patrick Fischer vor das Gericht gezerrt hat und damit schon viel früher über die Verfehlung Bescheid wusste?»
Schmitz ist kein Sportjournalist. Wäre ein Journalist, der Fischer nähersteht, mit der Info wohl gleich umgegangen?
Kofler: «Schwer zu beurteilen. Schmitz hat seine Infos in die Redaktion getragen. SRF hat dann, offenbar auf Chefebene, entschieden, Fischers Verfehlungen zu veröffentlichen. Man wäre bei dieser Debatte gerne ein Mäuschen gewesen, liegen doch die Übertragungsrechte der Nationalmannschaft bei der SRG.»
Was raten Sie den Schweizer Eishockey-Fans, damit sie die Eishockey-WM doch noch geniessen können?
Kofler: «Eine WM ist ein spezielles Ereignis mit einer besonderen Atmosphäre. Die Nationalmannschaft benötigt gerade jetzt die volle Unterstützung der Fans. Nebenschauplätze dürfen keine Rolle spielen, die Zuschauer müssen die Leistungen ihrer Nati auf dem Eis in den Mittelpunkt stellen. Die Schweiz hat in der aktuellen Aufstellung Potenzial für Grosses.
Die Fans sollen die Auftritte der Generation um NHL-Spieler wie Roman Josi, Nico Hischier, Timo Meier oder Pius Sutter auskosten. Wer weiss, ob künftige Auswahlen Auftritte in ähnlicher Stärke abliefern können.»
Heimo Kofler
Heimo Kofler (67) zählt zu den profiliertesten Sportjournalisten Österreichs.
Er lebt in Zwischenwasser bei Feldkirch – in unmittelbarer Nähe zur Heimatgemeinde von Marco Rossi und Vinzenz Rohrer.
Kofler arbeitete 35 Jahre für die «Vorarlberger Nachrichten», davor fünf Jahre für die «Vorarlberger Tageszeitung».
Als Reporter berichtete er von 15 A- und B-Weltmeisterschaften sowie von acht Olympischen Winterspielen.




