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Donnerstag
12.05.2016

Medien / Publizistik

Zihlmann: «Recherchen gehen weiter»

Er raucht, isst Junkfood, wühlt sich durch haufenweise Unterlagen und trinkt literweise Kaffee und Red Bull: Das Bild aus Hollywood-Filmen des investigativen Journalisten, der gerade einen internationalen Komplott aufdeckt, hat wenig mit dem Alltag eines normalen Schreiberlings zu tun.

Doch was, wenn Journalisten plötzlich haufenweise Daten zugespielt werden, die potenzielle Skandale auslösen können? Genau dies passierte der Tamedia im Sommer des letzten Jahres. Unter der Leitung von Oliver Zihlmann, Leiter des Recherche-Desks bei der «SonntagsZeitung», machten sich fünf Journalisten des Medienhauses daran, die so genannten «Panama Papers» - die am Montag zu grossen Teilen veröffentlicht wurden - zu durchforsten. Dem Klein Report erzählt Zihlmann, wie die Recherchearbeiten im Fall der «Panama Papers» abliefen.

«Nein, das Recherchieren hatte wenig mit einem spannenden Hollywood-Film zu tun», sagt Zihlmann lachend gegenüber dem Klein Report. «Denn in den Filmen finden die Journalisten immer gleich spannende Spuren, in Wirklichkeit verfolgt man bei Offshore-Recherchen oft lange Spuren, die ins Nichts führen», so der Journalist. Man kämpfe deshalb auch gegen den Frust.

Das grösste Problem seien dabei die Daten selbst gewesen. «Es gibt Briefkastenfirmen, die so intransparent aufgebaut sind, dass sie schnell einen Tag recherchieren bis sie herausgefunden haben, wozu sie eigentlich dient. Womöglich noch länger dauert es, bis irgendwo in einem Nebensatz oder einem Dokument zufällig erwähnt wird, wem die Firma eigentlich gehört, und in wessen Namen alles geschieht. So kann es passieren, dass sie erst hinterher feststellen, dass sie einen Fall recherchiert haben, der nicht von öffentlichem Interesse ist, weil kein Verdacht besteht auf Steuerdelikte oder Geldwäsche», so Zihlmann.

Zur Illustration: Im riesigen Datensatz der «Panama Papers» befinden sich 34 000 Offshore-Firmen, die von der Schweiz aus betreut wurden. «Vertieft analysieren können sie nur einen Bruchteil davon», sagt Zihlmann. «Eine systematische Recherche würde Jahre dauern». Unumgänglich bei der Analyse war für den Journalisten die Kooperation mit anderen ausländischen Berufskollegen im Rahmen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ). Dieses hat die Infrastruktur für den Zugriff auf die Daten und den gemeinsamen Austausch bereitgestellt.

«Alle Redaktionen innerhalb des ICIJ waren komplett autonom, haben sich auf den Foren aber intensiv ausgetauscht», so Zihlmann. Habe eine Zeitung für ihre Recherche länderspezifische Informationen von anderen Redaktionen gebraucht, half man sich gegenseitig aus. «So halfen wir beispielsweise bei der Recherche zu Wladimir Putin, zur Fifa und zur Uefa mit Informationen zu den involvierten Schweizer Banken, Anwälten und Funktionären. In diesen und anderen Fällen konnte die Schweiz Wesentliches zu den internationalen Storys beitragen».

Zudem habe man häufig einen Anfangsverdacht aus anderen Ländern erhalten. «Stiess eine Redaktion zum Beispiel in Afrika oder Südamerika auf einen korrupten Politiker oder einen Vorbestraften, lieferte das oft den Hinweis für uns, diese Firmen genauer anzuschauen. So fanden wir Hochrisiko-Kunden, die aus der Schweiz betreut wurden.»

Dass die Arbeiten zu den «Panama Papers» sowohl in der Schweiz als auch international zu einem politischen Erdbeben geführt haben, freut Zihlmann: «Es gab einerseits Demissionen, Rücktritte und zahllose Verfahren. Vor allem aber gibt es nun ernsthafte Bemühungen, international für mehr Transparenz zu sorgen. Die `Panama Papers` haben das globale Offshoresystem erschüttert und einen politischen Diskurs ausgelöst.»

Doch trotz der hohen Menge an Rohdaten und dem grossen öffentlichen Interesse wird es laut Zihlmann in den nächsten Wochen keine konzertierte Aktion wie in diesem Frühjahr mehr geben. Die Recherchen in den «Panama Papers» gehen aber weiter: «Es ist durchaus möglich, dass noch wichtige Geschichten aus dem Datensatz publik werden», sagt Zihlmann abschliessend zum Klein Report.

So gehen auch die fünf Tamedia-Journalisten, die seit Sommer des letzten Jahres Teilzeit und in den Monaten Februar, März und April diesen Jahres Vollzeit an den Daten arbeiteten, laut Zihlmann wieder ganz normal ihrem Job im Wochenjournalismus nach.