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Donnerstag
19.12.2019

Medien / Publizistik

Peter Burkhardt (l.) und Marc Kowalsky vom Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten wehren sich gegen den «Autorisierungs-Wildwuchs»...

Bei der Autorisierung von Interviews hat sich eine für Journalisten nicht tolerierbare «Tipp-Ex-Kultur» eingeschlichen: Das gesprochene Wort wird immer öfters nachträglich noch revidiert, Antworten werden ins Gegenteil verkehrt oder kritische Fragen sogar ganz aus dem Interview herausgestrichen.

Für den Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten ist das Ausmass nun «nicht mehr akzeptabel», wie Präsident Marc Kowalsky, stellvertretender Chefredaktor des Wirtschaftsmagazins «Bilanz», am Mittwoch in einem Pressegespräch sagte.

Um dem Autorisierungswildwuchs endlich ein Ende zu setzen, haben die Wirtschaftsjournalisten nun eine «Branchenvereinbarung zur Handhabung der Autorisierung von schriftlichen Interviews» vorgestellt.

Fast alle Chefredaktoren und Ressortleiter der grössten Deutschschweizer Wirtschaftszeitungen haben die Vereinbarung unterzeichnet und sich damit verpflichtet, die darin festgehaltenen Standards innerhalb ihrer Redaktionen umzusetzen.

Mit im Boot sitzen die Wirtschaftschefs von CH Media, Tamedia, «Blick», die Chefredaktoren von «Handelszeitung», «Finanz und Wirtschaft», «Bilanz», cash.ch, «The Market», AWP, «Finews» sowie zwei Redaktoren des «Sonntagsblicks». Die grossen Abwesenden heissen «Neue Zürcher Zeitung» und «NZZ am Sonntag».

Initiant der Branchenvereinbarung ist Peter Burkhardt, Vorstandsmitglied des Clubs der Zürcher Wirtschaftsjournalisten und Ressortleiter Wirtschaft von Tamedia: «Der ursprüngliche Sinn der Autorisierung wird systematisch verletzt», konstatierte Burkhardt am Mittwoch. «Wir können uns nicht länger erlauben, weichgespülte Interviews zu publizieren. Es geht nicht einfach um eine lädierte Berufsehre, sondern um die Glaubwürdigkeit der Medien», bezog er klar Stellung.

Mit der Branchenvereinbarung wollen Peter Burkhardt und die unterzeichnenden Wirtschaftsjournalisten das Prinzip «Gesagt ist gesagt» wieder diskussionslos und redaktionsübergreifend etablieren. «Für mich ist das die letzte Chance für die Form des schriftlichen Interviews», so die persönliche Einschätzung des Tamedia-Wirtschaftschefs.

Einer von mehreren Punkten in der Vereinbarung besagt, dass die «inhaltliche und sprachliche Umgestaltung von Antworten, die Streichung von Fragen und die Rücknahme von tatsächlich gemachten Aussagen» im Zuge des Autorisierens nicht zulässig sind. Ein weiterer wichtiger Absatz: «Ein einmal gegebenes Interview kann vom Interviewten nicht zurückgezogen werden.»

Genau das sei dem Wirtschaftsjournalisten Burkhardt passiert: «Es gab einen Vorfall mit einem sehr erfahrenen Kommunikationsberater, der ein wichtiges Interview komplett verstümmelt hat. Als ich mich gewehrt habe, drohte er mit Rückzug. Er behauptete, ein Rückzug sei jederzeit möglich.» Es war dieser eine Tropfen, der das Fass aus seiner Sicht zum Überlaufen gebracht hat.

Die Branchenvereinbarung soll derartige Konflikt-Szenarios, die im Rahmen des Autorisierens von Interviews immer wieder vorkommen, verhindern. Dieses Ziel hätten nicht nur die Chefredaktionen der Wirtschaftszeitungen, sondern auch die Gegenseite - beispielsweise Kommunikationsberater - positiv aufgenommen.

«Wir Journalisten müssen uns auch an der eigenen Nase nehmen», sagte Peter Burkhardt schliesslich. Er gab zu, dass in der Vergangenheit die Bedingungen eines Interviews - inklusive Autorisierung - im Vorfeld nicht immer klar definiert worden sind.

Das wollen die unterzeichnenden Wirtschaftschefs in ihren Redaktionen nun besser machen. Die Punkte aus der Branchenvereinbarung sollen klar auf den Tisch gelegt werden, bevor ein Interview durchgeführt wird. «Wenn wir das Interview zur Autorisierung senden, erinnern wir an diese vereinbarten Spielregeln», erklärte Peter Burkhardt den Ablauf.

Die Hoffnung, dass so nach der Autorisierung mehr übrigbleibt als nur Bruchstücke des Interviews, ist gross. In den bisherigen Fällen, in denen das Vorgehen gemäss der neuen Branchenvereinbarung angewendet wurde, habe es keine Probleme gegeben, so das positive Zwischenfazit.