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Samstag
7.1.2017

Medien / Publizistik

Terror und Politik haben mehr mit der Sportberichterstattung zu tun, als gemeinhin angenommen wird. Sportjournalismus formte die Politnews nämlich wesentlich: Unterhaltung, Theater, Rankings, Biopolitik und Listen. Diese Entwicklung - und damit nicht nur die digitale Revolution - ist schon lange am Niedergang der klassischen Medien beteiligt.

Mit der Thematik des teilweise selbstverschuldeten medialen Untegangs hat sich Medienexpertin und Historikerin Regula Stämpfli für den Klein Report beschäftigt.

Zwei Tweets erinnerten daran, den Niedergang der klassischen News-Berichterstattung nicht einfach auf die digitale Revolution zurückzuführen, sondern auf die selbstverursachte Krise: «Hört doch einfach auf, über Anschläge wie über Sportereignisse zu berichten. Ihr macht damit die halbe Arbeit der Terroristen», analysierte Reda El Arbi auf Twitter.

«You know you live in patriarchy when writing about fashion disqualifies women from writing about politics but writing about sports doesn`t», erklärte @feministabulous, Elisabeth Plank.

«Weapons of Math Destruction» nennt Allen Lane die dunkle Seite der digitalen Umwälzungen. Nun ja: Die klassischen Medien bedienten sich schon lange bei den «Weapons of Sport Destruction». Wahlen wurden seit den Nullerjahren wie Sportereignisse inszeniert. Politiker wurden wie Sportler gemessen, vermessen und in den Wettbürostudios der klassischen Medien verhandelt. Es ging um Sieger, um Parteistärken, um Werbepotenzial, aber sicher nicht um Politik.

Gerhard Schröder als Sozialstaatabschaffer im Brioni-Anzug und Zigarreninszenierung passte perfekt zu einem entpolitisierten Medienkarussell. Helden, Rankings, Auszeichnungen gehörten zu den undemokratischen Massstäben der Demokratie. Statt zu verhandeln, zu argumentieren und Lösungen aufzuzeigen, berichteten die klassischen Medien über Sieger, Verlierer oder über Frisuren.

Deshalb ist die gesamte politische Berichterstattung in den letzten Jahren auch viel sexistischer geworden, als sie es eh schon war. Herrenfussball war auch auf der Politbühne Trumpf und das Schweizer Fernsehen begann während der Session in Bern, statt von der «Bellevue-Bar» zu berichten, die Politisierenden unter dem Titel «Classe politique» zu diffamieren.

Der Talk war genauso strukturiert, wie eine x-beliebige Herrenquasselrunde nach irgendeinem simplen Ballspiel. Deshalb wurde der Rechtsstaat kategorisiert, statt implementiert, deshalb errechneten Mathematiker unfassbar Idiotisches wie die «elektorale Attraktivität», die sich meist in eine «erektile Attraktivität» mit massivem Männerüberschuss verwandelte - kein Wunder stagniert der Frauenanteil in allen Parlamenten.

Waren es im Sport die Blutwerte, die gefälscht, unterdrückt oder versteckt wurden, passierte dasselbe mit den verschwiegenen Millionennetzwerken einiger Politiker. Mutierten die internationalen Sportereignisse mehr und mehr zu eigentlichen Pharmaspielen, transformierte sich die Demokratie in einen feudalen Hofstaat mit sozialdemokratischen Technokraten auf der einen und rechtsliberal-autoritären Herrschaften auf der anderen Seite.

Ja, die Sportjournalisten sind ebenso schuld am Niedergang der klassischen Medien wie die Algorithmen. Was beweist, dass einseitige Schuldzuweisungen völliger Schwachsinn sind. Der Niedergang der klassischen Medien wird durch den digitalen Wandel massiv beschleunigt, doch eingeleitet haben den Zerfall - vor allem in der politischen Berichterstattung - die klassischen Medien schon selber.