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Dienstag
17.7.2018

Medien / Publizistik

Unter Verdacht: Avital Ronell

Gegen die überaus beliebte Philosophin Avital Ronell, linke Ikone an der New York University (NYU), läuft ein Verfahren wegen sexueller Belästigung. Dies wurde nur öffentlich, weil sich Dutzende von Intellektuellen weltweit – teils ohne Kenntnis der genauen Hintergründe – sofort mit der Professorin solidarisiert haben.

Die Medienexpertin Regula Stämpfli kommentiert für den Klein Report über Verdächtigungen, Skandale und Hexenjagden im Zeitalter von Genderdiskussionen, Neoliberalismus und digitaler Revolution.

Googelt man nach Fotos von Avital Ronell («TAZ»: «Das Dekonstruktionsluder», 21. 12. 2001), stösst man sofort auf ein wunderschönes Bild mit ihrer Freundin Judith Butler. Diese ist Erstunterzeichnerin des Unterstützungsbriefs für Ronell in einem geheimen Verfahren wegen sexueller Belästigung. Das Schreiben an die Universitätsleitung wurde auch vom berühmten hegelianischen Pop-Philosophen Slavoj Žižek und vielen weiteren namhaften Intellektuellen nterzeichnet.

Das Solidaritätsschreiben betont, wie wichtig Avital Ronell für ihr Fach, die NYU und ihre Studierenden sei. Daher solle die Unileitung in ihrem Fall doch Umsicht walten lassen. Eine sehr seltsame Begründung – so könnte man ja auch argumentieren, dass man bei Harvey Weinstein von einer Verurteilung absehen solle, weil er ein «brillanter Filmproduzent» sei. Kein Wunder, erregte der Brief Unmut.

Der wagemutige Intellektuelle Žižek erklärte in einem eigenen Artikel, weshalb er den Aufruf unterschrieben habe: Er wisse von den Vorwürfen gegen Ronell, er sei sogar persönlich dabei gewesen, als die Geschichte an der NYU ihren Auftakt nahm. Die Vorwürfe seien lächerlich, schockierend, aber das Verfahren verbiete ihm, mehr dazu zu sagen.

Žižek Ausführungen sind trotzdem erhellend: Das Klima an den Universitäten – wir hören ähnliches aus Berlin und Zürich sei – sei geprägt durch Mobbing, Diskurshegemonien, sexuelle Übergriffe und Psychokriege. Žižek hoffe, dass der Fall Ronell dazu führen könnte, die «Pathologie der Akademien» endlich zu reflektieren.

Spätestens mit Avital Ronell hat nun auch die Wissenschaft ihre #MeToo-Debatte. Und wie schon bei Harvey Weinstein geht es auch an den Universitäten nicht um Sex oder Erotik, sondern um Hierarchien, Macht und Insiderzirkel. Exzellent formuliert dies auch Anton Pluschke, ein junger Germanist der Princeton University, in einem sehr klugen Beitrag zum Fall Ronell für «Der Freitag» (25/2018). #MeToo lässt eingefahrene Strukturen bröckeln – und das ist auch gut so.