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Dienstag
10.6.2014

Medien / Publizistik

Guido Blumer, der frühere Verleger des eingestellten Winterthurer «Stadtblatts», startet ein neues publizistisches Projekt. «Wandzeitung» heisst dieses und besteht aus einem Blog und einem Schaufenster am Obertor in Winterthur, in dem die Beiträge in gedruckter Form gelesen werden können.

«Negatives im Leben wie die sich über sechs Jahre einschleichende Haushaltseinöde nach dem Untergang unserer Zeitung hat mich angespornt, einfach auch noch etwas zu machen, das mir Lebensfreue bereitet: Schreiben», so Blumer gegenüber dem Klein Report. «Und zwar so, dass ich mich zum Puls der Welt, der Schweiz, von Winterthur auch wieder einmischen kann.»

Das Konzept der neuen «Wandzeitung» ist aus dem urbanen Raum heraus entstanden. «Es gibt längst eine neue `Wandzeitungs`-Generation, vor allem in Städten», ist Blumer überzeugt. «Die werden in der Regel aus Protest illegal gegen was auch immer angriffig formuliert und an Hauswände gekleistert. Weshalb sollte eine legale Publikation in einem gemieteten Schaukasten nicht auch seine Wirkung entfalten?»

Die Kommentare und Artikel, die von 41 Autorinnen und Autoren beigesteuert werden, sollen aber «wutfrei» sein und nicht «einfach der relevanten publizistischen Konkurrenz zornig kontern». Die Beiträge können einen Tag nach Erscheinen in Printform auf dem Blog diskutiert werden.

Seit in Winterthur nur noch der «Landbote» als Tageszeitung erscheine, fehle der publizistische Diskurs, monierte Blumer. «Aber den nehmen wir gerne wieder auf.» Gegen den «Landboten» will er mit seinem Projekt nicht antreten. «Die Auflage ist sekundär», so Blumer. «Es sind im Jahr aber immerhin 365 Texte auf Papier und im Internet. Das ist eine kleine Bereicherung des publizistischen Wirkens.»

Dass Tamedia nun die letzte Tageszeitung übernommen hat, stört ihn nicht. «Den Besitzerfamilien ist die Lust am Verlegen vergangen», meinte er. «Hätte Tamedia den Stellenwert der Winterthurer Tageszeitung nicht erkannt, wäre auch dieses Blatt ziemlich gefährdet gewesen.»

Tamedia sei nicht verantwortlich dafür, dass viele Zeitungen in der Schweiz verschwunden sind. «Es ist die unbändige Macht und die einäugige Sichtweise der Werbeauftraggeber, die selbstbewusst den Daumen nur noch bei wenigen Publikationen nach oben halten», so Blumer, der mit seinem «Stadtblatt» nicht die erwünschten Einnahmen im Werbemarkt erzielen konnte. «Die erhalten einfach ihre Leader mit Werbung am Leben. Das ist ein übler Makel in unserem Land.»

Erhalten geblieben vom «Stadtblatt» ist beim neuen Projekt «Wandzeitung» nur das blaue, ahornähnliche Blatt einer Platane, das nun erneut als Logo dient. «Dieser Baum ist ein Stadtbaum, der abgasresistent ist. Das `Stadtblatt` wird also höchstens vom Winde verweht, aber es lebt», so Blumer. Er wolle das «Stadtblatt» nicht vergessen.

Wenn es um die Perspektiven der «Wandzeitung» geht, wird Blumer nicht gerade konkret, sondern zitiert Ron Kritzfeld: «Das Bemühen, den Abstand zwischen unseren Idealen und der Wirklichkeit zu verringern.»

Das neue Projekt finanziert Blumer diesmal über einen Sponsor, den Zürcher Gastronomen Rudi Bindella. «Er gibt uns einen schönen Batzen und oben drauf die gleiche Summe für Konsumation in seinen Lokalen», sagte Blumer. Die Bindella-Lokale in Winterthur - «Cantinetta», «National», «Santa Lucia» und «Spahetti Factory» - treten als Partner der «Wandzeitung» auf.

Löhne gibt es für die Mitarbeiter der «Wandzeitung» allerdings keine. «Nein, wir können dieses Projekt leider nur mit Leidenschaft finanzieren, mit der Ehre der Publikation und dem Dankeschön-Abend», so Blumer. «Idealismus ist in meinem Umfeld weit verbreitet, da bin ich sehr dankbar dafür.»

Blumer, der als «konzeptender und schreibender Kauz» mitwirkt, leitet das Projekt zusammen mit dem «technischen Freak» Roger Rutz, mit dem er schon seit mehr als zwei Jahrzehnten zusammengearbeitet hat.

Weitere Partner sind Pierre-François Bocion, der den Internetauftritt mit Kunst & Philosophie bereichern soll, der Fotograf Rolf Schatzmann, Webdesigner Markus Gerber, der Siebdrucker Christian Hagmann und die Druckerei Rohner+Spiller.