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Mittwoch
22.2.2017

Medien / Publizistik

Bild und Masse

Der Klein Report hat darüber berichtet: Die Medienkonferenz der Credit Suisse wurde, anders als üblich, nicht mehr von der Bildagentur Keystone abgedeckt. Die Bedingungen, wann, wie und wo Fotos gemacht werden dürfen, waren derart restriktiv, dass Keystone ein Zeichen setzen wollte - ein Kommentar von Medienexpertin Regula Stämpfli.

Umfassende und unabhängige Bildberichterstattung ist seit Jahren ein Problem. Dies nicht in erster Linie wegen den von den Massenmedien zelebrierten «Fake News», sondern wegen den schon seit Jahren existierenden «Fake Images». 

Diese regieren schon viel länger als Falschmeldungen. Ich gehe sogar soweit, die Totalitarismen mit den Bild-Diktaturen der jeweiligen Regimes zu erklären. Das Bild-Verbot fundamentalistischer Religionen wirkt dabei ebenso stark wie die Bilder-Flut kapitalistischer Ideologien.

Eindrücklich inszenierte Stalin 1931 beispielsweise die offizielle Versionen aufblühender neuer Industriezentren. Es waren ausschliesslich «gefakte» Fotografien. Besonders bitter war dies in Magnitogorsk, das von allen Medien als Wunder des Fünfjahresplanes gefeiert wurde. 

Alles Lüge. Die glücklich lächelnden Arbeiter auf den Fake Images waren Opfer von Kollektivierungsmassnahmen und enteignete Bauern. Die nationalsozialistische Propagandamaschine toppte Stalin, doch bis heute fehlt die Aufarbeitung über die totalitäre Wirkung von Bildern und die Mittäterschaft der Bildhersteller.

Denn nüchtern betrachten sind alle Bilder «fake». Aufgelöst in Pixel, eingepresst in einen Blickwinkel, erzählt von Licht, gibt es keine Bildwahrheiten. Es gibt kein objektives Bild. Bilder sind per definitionem ein Gemisch aus Wahrnehmung, Ausschnitt und gesellschaftlicher Konstruktion, die nur eine Art des Sehens fördert. 

Deshalb ist das Vorgehen der Credit Suisse völlig normal. Kein Unternehmen, kein Politiker, nicht mal die Experten wollen ein Bild von sich, das vielleicht zeigen könnte, was ist. 

Die Visualisierung von Information gehorcht nie der Offenheit, sondern nur dem Ausschnitt des Fotografierenden. Dass sich deshalb Unternehmen, News-Studios, soziale Bewegungen immer mehr einer kapitalistisch orientierten Fake-Bild-Produktion unterwerfen, ist machtpolitisch logisch. Für die Meinungsvielfalt und Transparenz sind solche Prozesse indessen tödlich. Es sei denn, man berichtet über all die Bildverbote, die gegenwärtig so aktuell sind. 

Denn interessanterweise wurde der Kontrollwahn der Credit Suisse bei ihrer Bilanzorientierung erst bewusst, als sie versucht hat, die Bilder zu kontrollieren. Solch paradoxe Wirkungen einer Berichterstattung über das, was nicht sein darf, wird den Journalismus in den nächsten Jahren prägen und qualifizieren.