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Sonntag
29.6.2014

IT / Telekom / Druck

Netflix kommt bis Ende Jahr in die Schweiz

Der Markteintritt des US-Streamingdienstes Netflix wird in der Schweiz mit Spannung erwartet. Von Konkurrenzangst ist aber nichts zu spüren. Video-on-Demand-Anbieter (VoD) rechnen sogar damit, dass Netflix das eigene Geschäft ankurbelt, und das Schweizer Radio und Fernsehen ist überzeugt, dass Netflix keinen Einfluss auf das eigene VoD-Angebot haben wird. Dies ergab eine Branchenumfrage des Klein Reports.

«Wir begrüssen den Markteintritt von Netflix sehr«, heisst es dazu bei TV-Streaming-Anbieterin Wilmaa. «Netflix wird der gesamten Branche mehr Visibilität bringen und auch dafür das für uns überlebenswichtige Thema `Netzneutralität` in der Schweiz zum Thema machen. Der positive Effekt, dass Nutzer vermehrt Filme on-demand online konsumieren, dürfte überwiegen.»

Derselben Meinung ist auch Teleboy-Marketing-Manager Michael Wendt. Netflix werde generell die Nutzung von Streaming-Services ankurbeln. Einfach wird es laut Wendt für die US-Firma in der Schweiz aber nicht: «Der Schweizer Markt hat seine Tücken. In erster Linie ist dies die Piraterie. Nutzer haben sich hierzulande über Jahre hinweg daran gewöhnt, kostenlos urheberrechtlich geschützte Serien und Filme herunterzuladen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Entsprechend gibt es eine hohe Erwartungshaltung zum Content-Umfang von zahlungspflichtigen Diensten.»

Der Streamingdienst von Netflix ist über Smart-TVs zugänglich. In den USA bietet der Dienst vor allem Serien, Eigenproduktionen und ältere Spielfilme an. Die Nutzer zahlen einmal und können sich dann so viel Inhalte ansehen, wie sie möchten. Auch in der Schweiz ist eine solches Flatrate-Angebot geplant. Es ist aber noch unklar, in welcher Preisklasse es sich bewegen wird.

Dass es für Netflix trotz Flatrate-Angebot keine einfache Aufgabe wird, sich gegen Seiten durchsetzen können, in denen aktueller Content kostenlos angeboten wird, findet Zattoo-CEO Nick Brambring. «Wir selbst zahlen für unseren Content viel Geld an die Rechteinhaber und begrüssen es, wenn Piraten-Sites ihre Bedeutung verlieren. Dabei kann Netflix helfen», ist er überzeugt.

Eine direkte Konkurrenz sieht der Zattoo-Chef in Netflix nicht. «Das Netflix-Angebot hat kaum Überschneidungen mit dem auf TV zugeschnittenen TV-Angebot von Zattoo. Grundsätzlich begrüssen wir es, wenn neue Angebote den Markt ausbauen helfen.»

Netflix hat Ende Mai angekündigt, bis Ende 2014 in die Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien und Luxemburg zu expandieren. Die vom Klein Report befragten Branchenkenner rechnen mit einem Markteintritt in der Schweiz im Herbst.

Der späte Markteintritt von Netflix in ein Land, wo schon etablierte Video-on-Demand-Anbieter wie Teleboy oder Wilmaa existieren, könnte zum Problem werden, findet der CEO des personalisierten Musikfernsehens Rayneer, Oliver Flückiger. «Ich gehe davon aus, dass sich das Angebot von Netflix - abgesehen von den Eigenproduktionen - nicht stark von den Schweizer VoD-Anbietern unterscheiden wird. Die Differenzierung dürfte also über den Preis erfolgen und die Konkurrenten werden bald mitziehen.»

Der Frage, welche Auswirkungen der Markteintritt von Netflix auf den Schweizer VoD-Markt haben könnte, weicht Jonathan Engmann, Projektleiter Unternehmen und Programme beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF, aus: «Auf das VoD-Angebot von SRF wird das keinen Einfluss haben.» Engmann kann sich auch nicht vorstellen, dass SRF das eigene VoD-Angebot im Stil von Netflix ausbaut: «Für SRF stehen bei VoD weiterhin die Eigenproduktionen im Vordergrund und nicht primär ein internationales Angebot», ist er sich sicher.

Auch die Vertreter der Streaming-Anbeiter von Zattoo, Wilmaa und Teleboy sehen sich nicht zum Handeln gezwungen. «Nicht die VoD-Angebote stehen unter Druck von Netflix. Viel mehr könnten Sender wie 3+ oder 4+ Probleme bekommen, da sie den Content von Netflix heute linear anbieten», heisst es bei Wilmaa. Teleboy-Sprecher Wendt ist weniger spezifisch, Netflix werde den ganzen TV-Markt beeinflussen, auch die Nutzung der Pay- und Free-TV-Sender, findet er.

Ihr eigenes VoD-Angebot mit Eigenproduktionen zu ergänzen, wie es Netflix mit Serien wie «House of Cards» oder «Orange is the new black» erfolgreich tut, schliessen Teleboy und Wilmaa aus. Der Markt sei dafür zu klein und Serien als Eigenproduktionen für einen VoD-Anbieter liessen sich daher nur schwer finanzieren, so Wendt dazu.

«Auch wenn ich mir Eigenproduktionen wünsche, für qualitativ hochstehende Formate ist der Schweizer Markt zu klein», findet auch Rayneer-Chef Oliver Flückiger. Für ihn gibt es ein anderes Erfolgrezept, um sich gegen die US-Konkurrenz durchzusetzen: «Die Schweizer Anbieter kennen die hiesigen Gepflogenheiten und Kundenbedürfnisse viel besser und sollten das nutzen: Content auf Schweizerdeutsch, Bundling-Strategien mit Schweizer Medien und Ähnliches.»