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Donnerstag
30.3.2017

Medien / Publizistik

Alles für die Clicks statt richtige Kritik

Der Krieg Donald Trumps gegen die etablierten Politikmedien hält an. Der Weltverband der Zeitungen und Verleger intervenierte beim Mr. President, um ihn auf die Bedeutung «der kritischen Presse für die demokratische Gesellschaft» aufmerksam zu machen, wie der Klein Report berichtete.

Medienexpertin Regula Stämpfli kommentiert dazu für den Klein Report über die Krise der Demokratie und die teils fehlende Kritik bei politischer Berichterstattung.

Donald Trump wird sich vom Brief des Weltverbands nicht beeindrucken lassen. Denn - anderen Dissidenten, auch aus dem linken Spektrum, kommunikativ nicht unähnlich - will er nicht nur als erster Präsident in die Geschichte eingehen, der dank Twitter gewählt wurde. Er will auch mithilfe von Twitter die nächsten Jahre Präsident bleiben.

Trump demonstriert deshalb Unabhängigkeit von einer Presse, die seit Jahrzehnten eng mit der Regierung, inklusive Finanz- und Wirtschaftselite, kooperierte. Seine Ausfälle gegen die Presse in Washington sind zwar sehr bedenklich, doch sie sind auch ein Zeichen grosser Versäumnisse der klassischen Medien in den letzten Jahrzehnten. Deshalb würde etwas mehr Selbstkritik durchaus nicht schaden.

Es rächt sich, dass die letzten Jahrzehnte - überall in der westlichen Welt - geprägt waren von einem fliessenden Übergang von Bundesjournalisten hin zu Regierungssprechern. Wir erinnern uns an die Berichterstattung zur Eurokrise: Da gebärdet sich ein Geldpopulist wie der niederländische Vorsitzende der Euro-Gruppe - ein nicht gewähltes Organ der EU, das über die europäische Finanzpolitik residiert - gegenüber Griechenland genauso wie Donald Trump gegenüber den Medien.

Ein Aufschrei der europäischen Presse bleibt dennoch aus. Im Gegenteil: Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» meinte noch am 26. März 2017: «Ich kann nicht mein ganzes Geld für Schnaps und Frauen ausgeben und dann um Unterstützung bitten. Dieser Vergleich vom Vorsitzenden der Euro-Gruppe Dijsselbloem sorgt bei den Südeuropäern für Ärger. Dabei hat er recht.»

Eine derartige Medienberichterstattung ist nichts anderes als PR-Speak für die herrschende Elite. Würde die kritische europäische Presse genauer auf die Vorgänge in Brüssel schauen, so würde auch den Bürgerinnen und Bürgern Europas klar, dass Jeroen Dijsselbloem allen Demokratien weltweit mehr schadet, als die im Vergleich dazu harmlosen Tweets eines Donald Trump.

Denn die Finanzbeihilfen Griechenlands dienten nicht für Schnaps und Frauen, sondern sie sind das Ausverkaufsmodell ganzer Staaten an private Finanzinstitute. Solche und ähnliche Themen wären Teil von Qualitätsmedien und kritischer Öffentlichkeit. Sie wurden jedoch in den letzten Jahrzehnten zugunsten einer intimen Beziehung zwischen Medien, Politik und Finanzen fast ausser Kraft gesetzt. Schliesslich bringt die Frisur Trumps immer noch mehr Quoten als zum Beispiel die Diskussion der Zusammenhänge zwischen Privatisierung und Hate-Mails.

Wir sehen: Die Krise der Demokratie und die Krise politischer Berichterstattung ist viel weitgreifender, als das Toben von Donald Trump gegen «Fake News» und der Ausschluss des Washingtoner Pressekorps. Sie ist auch das Resultat der jahrzehntelang praktizierten, apolitischen und unkritischen Regierungsberichterstattung der etablierten Qualitätsmedien.