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Mittwoch
21.11.2018

Medien / Publizistik

Am 25.11. kommt es zum Direktvergleich

Das Bewerbungsschreiben der Roboter-Journalisten: Bei Tamedia kommt Textroboter «Tobi» beim anstehenden Abstimmungssonntag erstmals schweizweit zum Einsatz und wird die Resultate aller 2'222 Gemeinden des Landes abdecken.

Dieselbe Aufgabe übernimmt bei Keystone-SDA eine Roboter-Dame namens «Lena», die auf Basis der Abstimmungsdaten des Bundesamtes für Statistik zahlreiche Kurztexte mit 400 bis 600 Zeichen erstellen wird.

40'000 Artikel «innert weniger Sekunden»: Textroboter «Tobi» hat sich für den nächsten Sonntag viel vorgenommen. Aus den zahlreichen Daten, die der Bund im Rahmen der Abstimmungen zur Verfügung stellt, sollen mithilfe von Algorithmen individuelle Texte für die Leserinnen und Leser von «20 Minuten», «Berner Zeitung», «Basler Zeitung», «Der Bund», «Le Matin», «Tages-Anzeiger», «Der Landbote», «Tribune de Genève», «Zürcher Unterländer», «Zürichsee-Zeitung», «20 minutes» und «24 heures» entstehen – in Deutsch und Französisch.

Titus Plattner, der als Projektleiter bei Tamedia seit Juni an der Optimierung von «Tobi» arbeitet, erklärte am Dienstag gegenüber dem Klein Report: «Seit dem ersten Versuch am 10. Juni wurde der Roboter laufend weiterentwickelt. Wir sind zwar immer noch in einer Experimentierphase, aber nach den bisher guten Feedbacks haben wir das Projekt stetig weitergeführt.»

Im Herzen ist «Tobi» weiterhin ein Algorithmus, der Textbausteine zusammensetzt: Ein «Entscheidungsbaum», der von Journalisten entwickelt wurde, gibt dem Roboter vor, welche Textbausteine er konkret verwendet – je nachdem, welche Zahlen die Datenbank ausspuckt. Doch gemäss Titus Plattner hat «Tobi» in den letzten Monaten viel dazugelernt: «Unser Textroboter kann nun auch immer mehr einordnen. Und wir wollen, dass er auch zunehmend so etwas wie Esprit in seine Texte einfliessen lässt.»

Von Versuch zu Versuch werde «Tobi» etwas besser und etwas schneller, so Plattner. Deshalb spielt der Roboter auch für Tamedia eine zunehmend wichtige Rolle: «Das Projekt ist Teil des Dispositivs zur politischen Abdeckung der Tamedia-Redaktionen», heisst es in einer Mitteilung des Medienunternehmens. «Mit 'Tobi' können wir Bereiche abdecken, die ein Mensch nicht machen könnte oder für die er schlichtweg viel zu lange brauchen würde», sagte Projektleiter Plattner zum Klein Report. Denkbar sei künftig ein Einsatz von «Tobi» über Abstimmungen und Wahlen hinaus – zum Beispiel für die «Finanz und Wirtschaft» im Bereich der Auswertung von Quartalsresultaten.

Die Idee, mit einem Roboter Bereiche abzudecken, die ein Mensch vom Umfang her kaum bewerkstelligen könnte, gefällt auch bei Keystone-SDA: Dort wird «Lena» am 25. November den direkten Vergleich zu «Tobi» antreten.

Während «Tobi» knapp 40'000 kommunal unterschiedliche Artikel zu den Abstimmungsresultaten verfassen wird, rechnet man bei «Lena» mit einem Output von etwa 2'000 Kurztexten. «Diese werden nicht über den Basisdienst verbreitet, sondern werden über die Webseite von Keystone-SDA verfügbar sein», informierte das Unternehmen am Dienstag.

Textroboter hin oder her - ganz ohne Journalisten aus Fleisch und Blut geht es auch mit «Tobi» und «Lena» nicht: Die Textbausteine, mit denen die Roboter arbeiten, kommen nämlich – ganz klassisch – von Menschen. «Unser zuständige Politjournalist hat zwei bis drei Tage an den Bausteinen für den 25. November gearbeitet», sagte Titus Plattner dem Klein Report.

«Doch das ist nur ein Teil der Arbeit: Die Daten, mit denen der Roboter arbeitet, müssen zuvor sauber erfasst und eingespeist werden. Dazu gehören neben den Daten vom Bundesamt für Statistik auch generelle Daten über Gemeinden, anhand derer der Roboter dann bestimmte Resultate überhaupt einordnen kann. Zudem hat unser Datenjournalist Mathias Born das Frontend programmiert. Und in der Westschweiz haben ebenfalls mehrere Journalisten an den französischsprachigen Textbausteinen geschrieben.»