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Dienstag
18.05.2021

Medien / Publizistik

«Weniger Ressourcen bedeuten, dass wir uns weniger detailliert mit dem Geschehen in der Region Bern beschäftigen können», sagt Sheila Matti von der Protestgruppe...

Für einmal wird am Dammweg in Bern nicht geschrieben, sondern gesägt: Mit einer Motorsäge will die Protestgruppe «Keine halben Sachen!» das «Berner Modell» in einer symbolträchtigen Aktion am Dienstag vor der Redaktion zerlegen.

Die Belegschaft von «Bund» und «Berner Zeitung» (BZ) will damit zeigen, dass sie mit den Abbauplänen von Tamedia nicht zufrieden ist. «Wir fordern, dass die Zahl der angekündigten Entlassungen minimiert wird», sagt Sheila Matti, BZ-Redaktorin und Mitglied der Personalkommission, auf Anfrage des Klein Reports am Montag. Der Klein Report hat im Vorfeld bereits ausführlich über die Aktion berichtet.

Im Zusammenhang mit der Fusion der Redaktionen von «Bund» und BZ plant der Zürcher Medienkonzern, 20 Vollzeitstellen in der Bundesstadt zu streichen.

«Jede Stelle, die gerettet werden kann, ist in unseren Augen ein Gewinn», meint Matti, die den Protest mitorganisiert. «Entsprechend sollen auch sozialere Modelle geprüft werden – etwa die Abgabe von Stellenprozenten oder der Umstieg auf Homeoffice, um an der Infrastruktur zu sparen.»

Aktuell arbeiten ungefähr 100 Journalistinnen und Journalisten für die Tageszeitungen. Das entspricht etwa 70 Vollzeitstellen. «Streicht man davon 20 und entlässt zirka 30 Menschen, bedeutet dies, dass die Grösse der heutigen ‚Bund‘-Redaktion abgebaut wird», rechnet Sheila Matti vor.

«Eine Redaktion im Umfang der heutigen BZ mit etwa 70 Personen soll also künftig zwei Zeitungen füllen, welche sich inhaltlich immer noch voneinander unterscheiden sollen», fügt sie an.

Matti weiss, was dieser Aderlass für die Arbeit auf der Redaktion bedeutet: «Weniger Ressourcen bedeuten, dass wir uns weniger detailliert und fundiert mit dem Geschehen in der Region Bern beschäftigen können.»

Ein Beispiel für den Abbau würden die BZ-Aussenredaktionen in Langenthal und Burgdorf liefern, die heute 10 Vollzeitstellen umfassen, sagt Matti zum Klein Report. «Künftig sollen beide Teams in das neue Regionen-Team von ‚Bund‘ und BZ integriert werden. Dieses umfasst lediglich 8 bis 12 Vollzeitstellen und soll zudem auch das Seeland, das Aaretal, das Gürbetal und das Gantrischgebiet abdecken.»

Der Motorsägen-Auftritt vom Dienstag ist nicht die erste Widerstands-Aktion der Belegschaften. Schon kurz nach der Ankündigung von Tamedia, die Redaktionen zu fusionieren, haben sich Journalistinnen und Journalisten organisiert und sind mit einem Manifest und Forderungen an die Öffentlichkeit gegangen.

Auf die Frage, ob die Tamedia-Spitze um Marco Boselli und Andreas Schaffner auf den bisherigen Protest reagiert hat, antwortet Sheila Matti: «Die Geschäftsleitung sowie die beiden Chefredaktoren haben schriftlich via Mail auf das Manifest geantwortet. Im Schreiben äusserten sie ihr Verständnis für unsere Bedenken und Anliegen, gingen auf die einzelnen Forderungen ein und meinten, dass auch sie keine halben Sachen wollten.»

Gleichzeitig hätten sie das Schreiben aber auch genutzt, um erneut «die finanzielle Dringlichkeit der Fusion zu unterstreichen sowie die aus ihrer Sicht positiven Aspekte zu betonen», erklärt Matti gegenüber dem Klein Report.

Dass die Fusion aus wirtschaftlichen Gründen geschieht, ist der Aktionsgruppe und der Belegschaft bewusst, so die Redaktorin. «Dennoch sind wir überzeugt, dass der Konzern über die finanziellen Mittel verfügen würde, um das ‚Berner Modell‘ weiterzuführen – wenn ihm etwas daran läge.»

Matti und Co. nehmen aber nicht an, dass die Proteste Tamedia von ihren Vorhaben abbringen können. Stattdessen wollen sie sich darauf konzentrieren, dass die Zusammenlegung «so human wie möglich» vonstattengeht. Wichtig wäre dabei auch, die Belegschaft regelmäßig zu informieren und in die Planung zu integrieren.

«Dies ist wohl unsere grösste Kritik am Vorgehen Tamedias: Bisher wurden die Angestellten weitgehend im Dunkeln gelassen», bilanziert Matti. Diese anhaltende Unsicherheit sei gerade in Zeiten von Homeoffice schwer erträglich. «Hier wäre ein Entgegenkommen der Geschäftsleitung wünschenswert.»

Schon längst ist der Widerstand der Medienschaffenden in der Politik angekommen. In mehreren Interviews mit dem Klein Report haben Polit-Grössen aus Bern die Fusion kritisiert. Auch auf der Webseite der Protestgruppe, keinehalbensachen.ch, zeigen Politikerinnen und Politiker ihren Unmut über den Entscheid von Tamedia.

Politisch vernetzt ist die Aktionsgruppe jedoch nicht: «Sie setzt sich aus einer engagierten Delegation der Arbeitnehmenden zusammen und repräsentiert somit die Belegschaft», so Matti. Unterstützt wird «Keine halben Sachen!» von der Gewerkschaft Syndicom und dem Verband Impressum.