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Dienstag
15.09.2020

Medien / Publizistik

Rutishauser: «Bei uns gibt es eine Trennung von Verlag und Redaktion» (Bild: Tamedia)...

Bei Tamedia gibt es aktuell zwei Buchprojekte, die von Journalistinnen und Journalisten des Verlages geschrieben wurden, aber von externen Herausgebern auf den Markt gebracht werden. Zum einen ist dies das Buch von Michèle Binswanger über die Zuger Landammannfeier von 2014 und zum anderen ein Buch von 14 Tamedia-Journalisten über den Lockdown.

Der Klein Report wollte von Arthur Rutishauser, Chefredaktor Tamedia, wissen, warum Tamedia die beiden Bücher nicht selber herausgibt, wer die Kosten dazu trägt – und ob sich Verleger Pietro Supino in die Projekte eingemischt hat.

Wie kommt es, dass Journalistinnen und Journalisten eines Grossverlages ihre – in diesen Fällen aufwändigen – Recherchen extern publizieren?
Arthur Rutishauser: «Das gibt es schon lange. Ausgangspunkt sind meist Recherchen für die Redaktion, in diesen Fällen die Mantelredaktion Tamedia. Die Arbeit, daraus ein Buch zu machen, geschieht mit Zusatzaufwand in der Freizeit. Im Falle des Corona-Buchs sind grosse Bestandteile bereits als Artikel erschienen, einige werden es noch. Die Arbeit für das Buch fand in der zusätzlichen Freizeit während der Kurzarbeit statt.»

Die Tamedia-Journalistin Michèle Binswanger hat dazu selber gesagt, dass sie das Buch aus Eigeninitiative schreibe. Zu diesem Projekt ist es bereits zu einer heftigen medialen Polemik und einer superprovisorischen Verfügung gekommen. Ist das ein Einzelprojekt einer Journalistin oder ist das ein Tamedia-Projekt?
Rutishauser: «Michèle hat im Auftrag der Redaktion bereits mehrmals über den Fall geschrieben und wird es noch tun, wenn das Verbot aufgehoben wird. Im Moment ist dies nicht möglich. Das ist einer der Gründe, warum das Urteil aus unserer Sicht ein unzulässiger Eingriff in die Pressefreiheit ist.»

Bitte bringen Sie etwas Klarheit ins Ganze, denn Michèle Binswanger wird nicht von einem der hauseigenen Juristen der Tamedia beraten. Wenn Tamedia diese Anwaltskosten trägt, dann könnte man das Projekt ja als Verlagsprojekt verstehen. Wo wird dieses Buch zukünftig dann herausgegeben?
Arthur Rutishauser: «Die hauseigenen Juristen dürfen in so einem Fall Michèle nicht vertreten. So ist das Gesetz, denn die superprovisorische Verfügung richtet sich gegen das Buchprojekt und gegen Michèles Tätigkeit in der Redaktion. Weil das Äusserungsverbot so umfassend ist und Michèle heute praktisch gar nicht mehr über das Thema schreiben kann, setzt sich Tamedia für die Aufhebung des Verbots ein. Alles Weitere hängt davon ab, wie die Gerichte entscheiden.»

Wie ist die Position und die Direktive von Pietro Supino, der seit Anfang Jahr alle vier TX-Group-Einheiten direkt führt, Ihnen persönlich gegenüber und was das Buchprojekt von Michèle Binswanger betrifft?
Rutishauser: «Bei uns gibt es eine Trennung von Verlag und Redaktion. Das ist eine redaktionelle Frage.»

Auch das externe Buchprojekt von 14 Tamedia-Journalisten über den Lockdown wird extern verlegt. Der Wörterseh-Verlag rührt hier schon einmal heftig die Werbetrommel für das als «Tamedia Recherchedesk – Lockdown» angekündigte Buch. Wie kommt es dazu, dass ein Grossverlag so etwas nicht selber publiziert?
Arthur Rutishauser: «Wir verlegen Zeitungen und keine Bücher.»

Haben die Journalisten das Buch während ihrer Freizeit gemacht oder während sie auf der Payroll bei Tamedia waren?
Rutishauser: «Die Zusatzarbeit für das Buch fand wie gesagt während der Freizeit statt.»

Am 22. September ist eine Buch-Vernissage im Zürcher Kaufleuten angesagt. Wird diese im Namen der Tamedia oder des Wörterseh-Verlages ausgerichtet – und dementsprechend finanziert?
Arthur Rutishauser: «Die Finanzierung der Buchprojekte ist Sache der Autoren und erfolgt nicht durch die Redaktion Tamedia. Die Vernissage belastet darum das Budget der Redaktion Tamedia nicht.»