Content:

Mittwoch
15.6.2016

Medien / Publizistik

Mit einem kurzen Film das Selbstbild einer Stadt aufmischen? Die beiden Jungfilmer Remo Rickenbacher und David Oesch haben es versucht. Ihr Anti-Imagefilm «Thun - Stadt der Falten» verbreitet ein «Unsere Stadt ist verloren!»-Lebensgefühl. Die Botschaft findet viel Gehör.

Seit der Uraufführung, die am Sonntag, 12. Juni in der Thuner Kulturbar Mundwerk erfolgte, ist der Film DAS Stadtgespräch. Und damit nicht genug: Als der Film am 13. Juni in den Sozialen Medien seine zweite Premiere feierte, ging er sofort viral und wurde allein auf Youtube in den ersten Tagen Tausende Male angeklickt.

Die beiden Filmemacher teilen heftig aus: «Die Alten» dominierten die Stadt am Tor zum Berner Oberland, die Politik döse dahin, das Nachtleben liege darnieder. Und die Jungen ergössen sich im «digitalen Jammern», seien sich aber zu schade, um offline Dinge anzureissen. Wer endlich erwache, verzöge sich bald aareabwärts. Und wer unter der Woche in Bern oder Zürich gross verdiene, wolle am Wochenende in seiner schicken Attika-Wohnung mit Bergpanorama vor allem eines: seine Ruhe.

Im Film, der mit eindrücklichen Drohnenaufnahmen von Manuel Lopez immer wieder Weitblick suggeriert, wirken unter anderem die Alt-Nationalrätin Ursula Haller, der Alt-Nationalrat und frühere Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen, der ehemalige Fussballnationalspieler Milaim Rama, Café-Mokka-Chef Pädu Anliker und Kevin Stoller, Trommler und überhaupt bekanntester Fan des FC Thun, mit. Wobei «mitwirken» schon ein grosses Wort ist.

Insgesamt bekamen die beiden Filmer 42 Menschen, die hier leben oder arbeiten oder sonstwie mit Thun verbandelt sind, vor die Kamera. Sie wirken zum Teil etwas verloren, vorgeführt. Vielleicht liegts daran, dass der Film keinen der in Grossaufnahme Porträtierten zu Wort kommen lässt. Die Kamera lässt die Stadtoriginale und die zum Teil schweizweit bekannten Persönlichkeiten, mit deren Namen sich der Film auf Youtube schmückt, schweigend vor sich stehen. Ein bisschen wie im Regen, der den Film auch motivisch durchdringt.

Das gibt, filmtechnisch gekonnt, der Stadt zwar ein Gesicht, ja viele Gesichter, aber keine Stimme. Das Wort geben die beiden Filmemacher nicht aus der Hand. Was über die Stadt und ihren «Minderwertigkeitskomplex» gesagt und wie geurteilt wird, kommt aus dem sicheren Off, bleibt einstimmig, unwidersprochen und seinerseits seltsam gesichtslos.

Auf die Frage, ob ihr an mancher Stelle sehr scharfzüngiger Film nicht zu polemisch sei, um als «versteckte Liebeserklärung» an die Stadt gelten zu können, liessen die beiden Jungfilmer und Ex-Thuner den Klein Report in ihrer charmanten Schlagfertigkeit wissen: «babam!»