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Mittwoch
5.4.2017

TV / Radio

Erschreckende Parallelen sind klar ersichtlich

Menschen unter 50 Jahren schauen ja nicht mehr fern. Bei «Der gleiche Himmel» lohnt sich aber ein Blick für alt und jung. Das Agentendrama des ZDF, das im geteilten Berlin der 1970er-Jahre spielt, begeisterte die Klein-Report-Kolumnistin Regula Stämpfli.

«Ich bin ein Serienjunkie. Ich hab alles schon probiert: Binge-Watching (´Game of Thrones`) bis zum Erbrechen (´How to get away with Murder`). Mit guten Büchern geht es mir ähnlich. Ich bin eine Geschichtenfresserin. Eine Qualität unterscheidet mich indessen von anderen Süchtigen: Ich kann locker vorspulen, wenn die Serie voraussehbar ist (´Der Bestatter`) oder das Völlegefühl unerträglich wird (´House of Cards`).

´Der gleiche Himmel` ist nur ein Dreiteiler, dafür einer à 90 Minuten pro Stück. Die ersten 180 Minuten sind atemberaubend sorgfältig und gut gemacht, der letzte Teil endet leider viel zu abrupt. Doch die Stimmung, die vermittelt wird, ist politische Bildung pur: Die BRD wird als Schaufenster des US-Kapitalismus perfekt inszeniert, die DDR verkörpert den Untertanengeist der Deutschen. Jede Figur hat ihre Abgründe, ihre eigene Geschichte, die von der jeweils schwierigen Balance zwischen Ideologie und Anpassung erzählt. Perfekt auch Ben Becker als Führungsoffizier der Romeo-Agenten.

Die Unter-50-Jährigen sollten sich den Dreiteiler reinziehen, da die Ähnlichkeiten von damals und heute erschrecken. Die damalige Kontrolle des DDR-Staates auf den Körper ist heute durch die Selbstkontrolle ersetzt. Die Körper von jungen Frauen werden nicht mehr wie damals Anabolika, Stereoiden und Testosteron ausgesetzt. Doch die Kotz-, Fress- und Diät-Zwangsmassnahmen von Frauen und Transmenschen – vermehrt auch von Männern – machen den Körper zum Kontrollinstrument.

Heute für den Kapitalismus, damals für den Staatssozialismus. Was in der DDR Ideologie war, ist heute Selbstdisziplin, die auch Geist und Arbeit formt. Wer in der DDR nicht kollaborierte, wurde in die soziale Isolation verbannt – wer 2017 keine Arbeit hat, erlebt ähnliche Ausgrenzung, die aber zusätzlich als Selbstversagen interpretiert wird.

´Der gleiche Himmel` ist erschreckend zeitgenössisch. Nicht nur hinsichtlich Zwang und Überwachung, sondern vor allem deshalb, weil der Dreiteiler zeigt, was alles in Systemen mit Menschen passiert, wenn sie keine Alternative haben zu dem, was ist.»