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Mittwoch
16.10.2019

Medien / Publizistik

Attraktivitäts-Studien sind längst widerlegt

Alle Wahljahre wieder kommt die Mär vom Zusammenhang zwischen Wahlerfolg und Aussehen. So dreist wie dies bluewin.ch 2019 noch macht, toppt aber bisherige Beauty-PR.

Da wird auf dem Online-Portal eine alte deutsche Studie hervorgekramt und eine neue Studie zitiert, die dem Anschein nach von einem «Schweizer Dating-Portal» durchgeführt wurde. Weder werden Studienanordnung, Auftraggeber oder andere wissenschaftliche Eckdaten angegeben. 

Die Politologin Regula Stämpfli kommentiert für den Klein Report die Wahlberichterstattung auf bluewin.ch, die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat und die Deep-Fake-«Attraktivität». 

Bluewin ist ein E-Mail-Dienst von Swisscom. Die Swisscom AG ist Nachfolgerin der PTT und das führende Telekommunikationsunternehmen in der Schweiz. Die Schweizerische Eidgenossenschaft, sprich die Politik, hält eine Kapitalbeteiligung von 51 Prozent. 

Man könnte mit Fug und Recht behaupten, Swisscom und Bluewin hätten eine öffentlich-rechtliche Verantwortung. Schliesslich gehören alle Swisscom AG-Unternehmen via Mehrheitsbeteiligung der Schweizerischen Eidgenossenschaft - sprich via Steuern - letztlich den Steuerzahlern, also Ihnen und mir. 

Nun ist es mir eigentlich egal, weshalb die Steuerzahler neben der SRG, SRF-Onlineportal und Swissinfo einen zusätzlichen eigenen Nachrichtendienst im Stil vom «20 Minuten»-Design brauchen. Doch wenn Boulevard mitsubventioniert werden soll, dann hätte ich gerne eine gesetzliche Grundlage, die explizit festhält, dass öffentlich-rechtlich konzipierte Unternehmen Newsportale mitfinanzieren, deren Hauptnachrichten aus Sex und Crime, Schrott-Ratings oder hochgepimptem Sexismus bestehen. 

Schliesslich konstituiert sich Demokratie aus der Trennung zwischen öffentlich und privat, ja selbst der sogenannt freie Markt zieht seine Legitimation durch klare Aufgabenteilung. An anderer Stelle habe ich schon den Finger auf die wunde Stelle im SRF-Einstiegsportal gelegt, indem ich die Aufgabe eines derartigen Dienstes auch nicht im Boulevard verorte, sondern den Hinweis auf die zahlreichen kostbaren, informativen und guten Politsendungen aus dem eigenen Haus bevorzugen würde. 

Dies bedingt, dass derartig indirekte öffentlich-rechtliche Portale nicht von «Kindersoldaten», ein Zitat von Kurt Imhof, betreut werden, sondern von Redaktorinnen und Redaktoren, die Qualitätsjournalismus schon seit Jahren betreiben. Schliesslich unterrichten an unseren öffentlichen Schulen ja auch nicht nur Praktikantinnen, sondern ausgebildete Lehrkräfte. Wenn Steuergelder Nachrichtenticker vertickern, dann haben sie öffentlich-rechtlichen Standards zu genügen oder sie müssen verschwinden. 

Erstaunlich daran ist, dass dies unter Journalisten kein Thema ist, weil sich einige mit Bluewin-Artikeln ziemlich gut über Wasser halten. Doch vom Standpunkt der politischen Information ist Bluewin ein Ärgernis, das dringend der Diskussion bedarf. Artikel wie «So attraktiv sind unsere Nationalratskandidaten» auf Bluewin sind nicht nur Fake News, sondern ein Schlag in die Magengrube jeder funktionierenden Demokratie. 

Die Attraktivitätsstudien sind schon seit Jahrzehnten widerlegt. Gutes Aussehen schadet sicher nicht, aber wollen diese Dating-Portal-Studien - denn diese geben solche Wahl-«Studien» in Auftrag - wirklich behaupten, Boris Johnson und Donald Trump wären wegen ihrer Attraktivität gewählt worden?

Der Artikel behauptet im Lead: «Eine neue Umfrage hat herausgefunden, welche Kandidatinnen und Kandidaten für den Nationalrat die Schweizer am attraktivsten finden. Wissenschaftler glauben, dass Aussehen und Wahlerfolg zusammenhängen.» 

Dies gehört auf keinen ernstzunehmenden Newsticker, sondern ist «paid content» der betreffenden Dating-Portale. Schönere werden nämlich nicht besser gewählt, dafür um so lieber von Datingportalen und Medien als Unterhaltungsthemen beworben und beschworen. 

Denn mal ganz ehrlich: Hat irgendeiner dieser Journalisten und Wissenschaftler schon mal in die real existierenden Parlamente geguckt? Richtig. Da gibt es ganz viele tolle Menschen, aber nicht einen einzigen, der die Wahl zum Mister Universe gewinnen würde.