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Dienstag
20.12.2016

Medien / Publizistik

Wie viele Start-ups gibts für digitale Cracks?

«Schweiz am Sonntag» gibt es ab März 2017 nicht mehr. Die neue Zeitung, die «Schweiz am Wochenende» heisst, soll «den Sonntag schon am Samstag beginnen lassen», wie Peter Wanner meinte. Für das neue Produkt werden die AZ Medien, die Somedia AG und die ZT Medien AG zusammenspannen, sprich: die beiden altbekannten Mediengrössen Hanspeter Lebrument und Peter Wanner zeichnen für das neue Produkt.

Für den Klein Report kommentiert Medienexpertin Regula Stämpfli, die für die Verlage über Jahre hinweg prominente Kolumnen geschrieben hat.

Es geht schneller als gedacht: Fusionen, Stellenabbau, seltsame Vermischung öffentlich-rechtlicher Gelder: Der Medienwandel in der Schweiz nimmt rasant an Tempo zu. Die geplante «Schweiz am Wochenende» lässt ahnen, wie sehr sich die beiden grossen Verleger Lebrument und Wanner in den letzten Jahren verspekuliert haben.

Statt in zukunftsträchtige Kombistrategien Online und Print zu investieren, wurde versucht, den klassischen Journalismus wiederzubeleben und dessen politische Vormachtsstellung auf ewig zu sichern. Dass diese Zeiten vorbei sind, haben viele noch nicht wirklich realisiert, und sie hängen deshalb den alten Machtstrukturen nach.

Dabei bestünden grad in der Region grosse Chancen für einen wiederbelebten Lokaljournalismus, doch hier fehlen mutige Projekte der grossen Verlage – oder wie viele Start-ups gibt es für digitale Cracks mit guten Ideen? Jede Region ist voller Talente, die den digitalen Wandel mit all den publizistischen Herausforderungen gerne wagen würden, schade nur, dass sie dafür in der Schweiz kaum Chancen zur Entfaltung kriegen.

Zeitungen will heute – ausser dem Stammpublikum über 50, eines übrigens, das gepflegt sein will – niemand mehr lesen. Gute Themen und Schreibende aber unbedingt. Denn das Paradoxe an der gegenwärtigen Situation ist ja, dass Zeitungen sterben, sich die Reichweite der Information jedoch exponenziell vervielfacht hat. Das heisst: Menschen wollen, brauchen und diskutieren News, Recherchen, Feuilleton, Wirtschaftsreportagen. Zahlen wollen sie aber dafür nur bedingt.

Online wurde und wird von allen grossen Verlagen nach wie vor als Schmuddelkind behandelt oder in ein eigenes Medienportal ausgelagert: siehe Watson. Das, was wirklich zählt, nämlich die Auseinandersetzung mit Google, Twitter, Instagram, Facebook, Amazon et al. wird schlicht und einfach verpennt. Da wird auch die geplante, gesponserte Medienprofessur an der ETH nichts ändern können: Schon in der Konzeption ist sie so angelegt, dass sie nur die etablierten Herren und deren Produkte weiter legitimieren soll.

Deshalb braucht es neue Strategien. Die Abos online beispielsweise sind immer noch viel zu teuer. Dabei würden sie die Muttermarke promoten. Zudem wollen Menschen Menschen lesen: Wichtig ist also für jeden Verlag das Management ihrer «Stars», der lokale Bezug via Themen oder Personen, das Zusammenführen von real und digital vor Ort. Erfolgreiche Publikationen bestehen heutzutage in der engen Bindung des Publikums und darin, möglichst bequem und gratis wichtige Dienstleistungen zu offerieren.

Zudem braucht es in der reichen Schweiz dringend Innovationen im Bereich der digitalen Datenverfassung. Es ist völlig unverständlich, dass sämtliche Medienmogule in diesem Land auf althergebrachte Konzepte und althergebrachte Experten setzen statt auf Zukunft. Doch vielleicht ist dies ja die Strategie: Die eigenen Privilegien solange zu halten, bis die Medienrevolution auch ihnen die Existenz unter den Füssen wegzieht. Das ist jedoch keine Zukunft, sondern eine mediale Ständegesellschaft.