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Dienstag
10.12.2019

Medien / Publizistik

Der Samichlaus hatte für die Leserinnen von «Der kleine Bund» ein besonderes Geschenk: Die Herren der Schöpfung definieren auf einer Doppelseite die Kultur für das nächste Jahrzehnt.

Philippe Zweifel, Martin Ebel – ja genau der, der den Hashtag #dichterdran durch seine Rezension über Sally Rooney initiiert hat – Benedikt Sartorius, Guido Kalberer, Linus Schöpfer, Pascal Blum, Matthias Lerf und Hans Jürg Zinsli sind Teil dieses Männerkanons.

Pascal Blum darf sogar zweimal: In der Kategorie «Beste Filme» und «Beste Games». «Was Sie gesehen, gelesen und gehört haben müssen», posaunen die Herren des Feuilletons.

Philippe Zweifel empfiehlt die Serie «Louie» (2010-2015) des Künstlers Louis C.K., der, Zitat: «als #MeToo-Missetäter» geoutet wurde. Hoppla, ist die sexuelle Gewalt, die unter #MeToo dokumentiert wird, eine Missetat, ein Missgeschick, das darüber hinaus von anderen «geoutet» werden kann?

Ähnlich eigenartig ist die Empfehlung «Hable con ella» (2002) von Pedro Almódovar. Im sehr berührenden Film vergreift sich der Pfleger an der Schutzbefohlenen. Es hätte noch ganz andere Filme des grossen Almódovar gegeben, nun ja.

Vor 30 Jahren wären die Kollegen vom Feuilleton von ihren Redakteurinnen sowas in den Senkel gestellt worden, dass sie sich nicht einmal zu Hause vor ihrer Freundin oder ihrem Partner hätten blicken lassen können. Doch 2019? Die Zeiten von #MeToo von Geschlechtergerechtigkeit manifestieren in den klassischen Medien einen ungeahnten Backlash.

Zudem ist die Schweizer Kulturszene so eng miteinander verschwägert, verstrickt, verwandt, verbandelt, dass die Mittäterinnenschaft der weiblichen Kulturschaffenden diesbezüglich schwer wiegt. Eine Doppelseite fast frauenfreier Empfehlungen zu den wichtigsten Kulturwerken der letzten zwei Jahrzehnte und kein #Aufschrei?

Für Frauen in Kultur und Medien empfiehlt sich angesichts dieser riesigen Männermedienmacht die Strategie von Sibylle Berg. Sie tritt nur im Kombi auf: Am liebsten umgeben von jungen Männern, coolen Bands und einigen Frauen. Doch selbst die Schweizer Buchpreisgewinnerin Berg hat es nicht in die Samichlaus-Liste der Besten geschafft.

PS: «Der Kleine Bund» hat die Doppelseite Männerkultur-Tipps nicht online gestellt, sondern die Auswahl des «Tages-Anzeigers» übernommen. Da gibt es eine einzige Kategorie, die von einer Frau bestimmt werden darf: Architektur.