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Mittwoch
08.07.2020

Medien / Publizistik

Präsidentin Vania Alleva und Unia-Geschäftsleitung hätten vor der Publikation zwingend mit den schweren Vorwürfen konfrontiert werden müssen...

Dicke Post für die Zentralredaktion des Verlags CH Media: In einem Interview mit Ueli Balmer, dem ehemaligen Präsidenten der Unia-Sektion Berner Oberland, hat es die Redaktion unterlassen, die von ihr mit schweren Vorwürfen belasteten Personen zu konfrontieren.

Im Text mit dem Titel «Die Unia wird diktatorisch geführt» beziehungsweise «Warum am 1. Mai Gewerkschafter gegen die Gewerkschaften demonstrieren» fuhr die Zentralredaktion des Joint Ventures der AZ Medien und der NZZ-Regionalmedien am Tag der Arbeit 2019 dickes Geschütz gegen die Gewerkschaft und deren Präsidentin auf.

Die anwaltlich vertretene Unia spricht in ihrer Beschwerde vom «unzufriedenen und abgewählten» Sektionspräsidenten, der «falsche Tatsachenbehauptungen» verbreite. Ueli Balmer dürfe «unwidersprochen» über verschiedene – «teils existierende, teils angebliche» – strittige Auseinandersetzungen in der Gewerkschaft erzählen, schreibt der Presserat in seiner Stellungnahme.

Ueli Balmer erhebe «schwerwiegende Vorwürfe» gegenüber der Organisation und deren Präsidentin Vania Alleva. Über den heftigen Streit zwischen dem ehemaligen Sektionschef und der Unia publizierte Journalist Andreas Maurer bereits einige Geschichten im Vorfeld.

«In der Einleitung zum Gespräch schreibt Journalist Andreas Maurer, der interviewte Balmer sei einen Monat zuvor ‚nach einem Machtkampf mit der nationalen Geschäftsleitung abgesetzt‘ worden», schreibt und zitiert der Presserat aus den Texten. «Nun schliesse er sich mit internen Kritikern zusammen und organisiere am 1. Mai eine Protestaktion. Im Interview sagt Balmer unter anderem: ‚Wir wehren uns dagegen, dass die Organisation [die Unia] von einem Profi-Apparat geführt wird, der keine Rücksicht auf seine Mitglieder nimmt. Dieses Problem haben viele Gewerkschaften. Aber nirgends ist es so schlimm wie in der Unia. Die nationale Geschäftsleitung spricht immer davon, dass sie basisorientiert sei. Doch wenn sich jemand von der Basis gegen die nationale Geschäftsleitung auflehnt, wird er kaltgestellt und weggemobbt.‘»

Publiziert wurde das Interview in der «Appenzeller Zeitung», in der «Luzerner Zeitung», in der «Nidwaldner Zeitung», in der «Obwaldner Zeitung», im «St. Galler Tagblatt», in der «Thurgauer Zeitung», in der «Toggenburger Zeitung», in der «Urner Zeitung», im «Werdenberger & Obertoggenburger», in der «Wiler Zeitung» und in der «Zuger Zeitung».

Noch vor Kurzem sprach man vom sogenannten «Einheitsbrei» in den Medien, erinnert der Klein Report bezüglich dieser durch Konsolidierungen entstandenen Zeitungsgeflechte. Weiter wurde das Gespräch nämlich auch noch in «Bote der Urschweiz» und in der Zeitung «Der Rheintaler» publiziert. Diese Zeitungen gehören zwar nicht zum Aargauer CH-Media-Verlag. Sie übernehmen jedoch deren überregionale Berichterstattung.

Und damit auch AZ-Verleger Peter Wanners Online-Portal «Watson» davon etwas hatte, wurde hier das Interview am gleichen Tag veröffentlicht - aber unter einem anderen Titel: «Warum am 1. Mai Gewerkschafter gegen die Gewerkschaften demonstrieren».

Unter dem streitbaren Sachverhalt zitiert der Presserat weiter aus dem Interview von Journalist Andreas Maurer. «Die nationale Führung ist noch nie so dreist gegen ihre eigene Basis vorgegangen wie bei uns im Berner Oberland», so der damalige Sektionschef. «Die Mitglieder der Basis haben zwei Personen für eine neue Geschäftsleitung vorgeschlagen, die von einer Mehrheit gewählt wurden. Doch die nationale Geschäftsleitung hat das Resultat nicht anerkannt und einen eigenen Mann installiert. Wer sich dagegen gewehrt hat, wurde freigestellt oder rausgemobbt. Mehr als die halbe Belegschaft wurde ausgewechselt.»

Und weiter: «Viele Mitglieder haben das Gefühl, sie zahlen nur Beiträge, aber wenn sie ein Anliegen haben, geht niemand darauf ein. Ihr Geld versickert im Apparat der Unia», entrüstet sich Ueli Balmer. «Vania Alleva [die Unia-Präsidentin] spricht immer von Basisdemokratie, doch sie selber führt mit eiserner Hand. Deshalb stehe ich zu folgender Feststellung: Die Unia wird diktatorisch geführt.»

Happige Vorwürfe, zu denen die Unia-Chefin Alleva nicht von dem Journalisten angehört wurde. Die Beschwerdeführerin führt aus, dass Maurer den potenziellen Standpunkt von Alleva nicht zum Ausdruck gebracht habe, «obwohl er diesen gekannt habe, weil er sie einige Wochen zuvor im Zusammenhang mit einem am 6. April 2019 in der ‚Schweiz am Wochenende‘ erschienenen Artikel um eine Stellungnahme gebeten hatte».

Dort habe der Journalist seinem späteren Interviewpartner Balmer schon einmal eine Plattform geboten. Er habe sich damals weitgehend auf Balmers Aussagen gestützt. «Da die Unia dort wenigstens rudimentär zu Wort gekommen sei, habe sie auf eine Presseratsbeschwerde verzichtet», schreibt diese.

Die Unia-Anwältin moniert, dass Andreas Maurer aufgrund seines Vorwissens die Interviewfragen so hätte stellen können, dass diese den mutmasslichen Standpunkt der Betroffenen zum Ausdruck bringen. Dies habe er aber bloss einmal mit folgender Entgegnung getan: «Alleva sagte in einem Interview, das Austragen von Konflikten gehöre zum Job von Gewerkschaftern. Deshalb würden interne Konflikte besonders heftig ausgetragen.»

Für die Anwältin genügt das eine Zitat nicht, «um als angemessene Stellungnahme der angegriffenen Gewerkschaft und Vania Alleva zu gelten». Es sei «absolut unzureichend».

Die Gegenseite beantragte die Beschwerde abzuweisen, wie am 18. März 2020 Patrik Müller, Chefredaktor der Zentralredaktion von CH Media, namens CH Media, watson.ch, «Der Rheintaler» und «Bote der Urschweiz» gegenüber dem Presserat kundtat.

Das beanstandete Interview mit dem ehemaligen Unia-Sektionspräsidenten Ueli Balmer sei Teil einer mehrwöchigen Berichterstattung, in der die Vertreter der Unia-Führung regelmässig zu Wort gekommen seien. Der Kern der Kritik sei dabei immer derselbe gewesen, womit sich auch die Entgegnungen wiederholt hätten, argumentiert Journalist Patrik Müller. Beide Seiten seien stets erwähnt worden. Dies gelte auch für das Interview: Auch dort sei die Gegenposition erwähnt worden.

Patrik Müller weiter: Das Interview mit Balmer habe eine Drittelseite gefüllt, während Unia-Präsidentin Alleva ihre Sichtweise in Zeitungen von CH Media am 14. April 2019 zuvor auf einer ganzen Seite habe darlegen können. «Dort wurde die Gegenposition ebenfalls lediglich in den Fragen erwähnt.»

Zudem, so Müller, habe sich die Unia im Anschluss an die Veröffentlichung des Balmer-Interviews nicht bei der Redaktion gemeldet, um ihre Sicht nochmals darzulegen. Mit vorliegender Presseratsbeschwerde höre CH Media erstmals, dass sich die Unia-Führung damals unkorrekt behandelt fühlte.

Diese fadenscheinige Begründung schmetterte der Presserat ab. Die Redaktion hätte Unia-Präsidentin Vania Alleva und die nationale Unia-Geschäftsleitung vor der Publikation zwingend konfrontieren müssen, «sofern sie gänzlich oder in ihrer Schwere neu waren».

Der Presserat gibt Unterricht und erklärt: «Falls dies nicht der Fall war - wenn also die Angegriffenen mit denselben Vorwürfen schon im Vorfeld der Publikation des Artikels vom 6. April 2019 konfrontiert worden waren -, hätten deren Standpunkte im Interview wenigstens kursorisch wiedergegeben werden müssen, sei es in den Fragen oder in einem Begleittext.»

Denn: «Die eine - einzelne - Entgegnung des Journalisten (‚Alleva sagte in einem Interview, das Austragen von Konflikten gehöre zum Job von Gewerkschaftern. Deshalb würden interne Konflikte besonders heftig geführt‘) genügt nicht.»

Zudem erschien dieses Interview bloss in der «Zentralschweiz am Sonntag» und der «Ostschweiz am Sonntag» und erreichte somit nicht dasselbe Publikum wie das Interview mit dem Sektionsleiter Ueli Balmer.

Eine frühere Thematisierung der Positionen einer Streitpartei entbinde die Redaktion nicht von der Pflicht, den Blickwinkel von attackierten natürlichen und juristischen Personen in einem neuen Interview mit der anderen Streitpartei wenigstens kursorisch wiederzugeben.