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Donnerstag
25.02.2016

Medien / Publizistik

«Auch bei Kindern gilt: sex sells»

Der britische Privatsender ITV brachte am 16. Februar einen Beitrag über drei Mädchen zwischen 8 und 11 Jahren, die an einer Stripstange ihre tänzerischen Fähigkeiten unter Beweis stellten. Twitter lief heiss, Ringier nahm das Thema auf. Die Diskussion angelte sich entlang den Argumenten «nur Gymnastik» und «Kinderpornografie.» Was soll das? Die Sexualisierung des weiblichen Körpers von 0 bis... bringt Klicks, manchmal sogar spannende Diskussionen, aber Zero Erkenntnisfortschritt.

Für den Klein Report kommentiert Dr. Regula Stämpfli, Autorin mehrerer Schriften, die sich wissenschaftlich mit Biopolitik & Medien befassen, die Zurschaustellung von Kindern in den Medien. Die Medienexpertin nimmt sich der Frage an, ob Medien Kinderpornografie promoten.

Rosa Babies, Barbie, Nutten- und Medienwirtschaft gehen seit Jahrzehnten Hand in Hand – und die Medien reagieren immer so als hätten sie nie lesen und schreiben gelernt. Der rosa Plüsch, der Kinder nach Geschlecht nur deshalb so einordnet, da sich mit ausdifferenzierten Werbegruppen viel Geld «verdienen» lässt, führt direkt zum Strassenstrich und zur Lobhudelei desselben. Der grosse Gleichmacher Kapitalismus löscht eben alle Unterscheidungen aus.

Kinder sind im Werbekontext Warenkörper, die es so gut als möglich zu vermarkten gilt. Die Unterschicht besitzt mit Kindern meist das einzige «Produkt» und damit den einzigen «Marketingwert» in der Gesellschaft der «Ich-AGs». So ist es verständlich, dass in den USA und in Grossbritannien, den hochkapitalisierten Ländern mit einer riesigen Unter-Unterschicht, die von den Medien despektierlich auch «white trash» genannt wird, die Inszenierung von Kinderstrip, Kinder-Miss-Wahlen, Kinder-Make Up etc. gang und gäbe ist, da sich damit im «Unterschichtsfernsehen» sehr viel Geld machen lässt.

Fünfjährige werden in «Toddlers&Tiaras» derart hypersexualisiert inszeniert, dass die Sendung ohne grosse Schwierigkeiten den Straftatbestand der Pädophilie erfüllen würde...doch die Quote stimmt. Dies ausgerechnet in den USA und in Grossbritannien, in einem Land, das Nacktheit verpönt und das Baden des Vaters mit der eigenen kleinen Tochter gerne und schnell unter den Generalverdacht des sexuellen Missbrauchs stellt.  

Was wäre die Aufgabe von Qualitätsmedien und seriöser Berichterstattung? Statt so zu tun als ginge es um «Pro-Stange» oder «Contra-Stange», müsste man endlich auf die gesellschaftliche Macht und die kulturellen Techniken, die sich in Menschen manifestieren, hinweisen. Einfacher gesagt: Es geht nicht um die Frage, ob etwas «gut» oder «schlecht» sei, sondern um die Analyse der Wirkung, die da lautet: Medien bewerben Kinder ähnlich wie andere Informationswaren, die viele Klicks, wichtige Werbegelder und hohe Aufmerksamkeit garantieren. Auch bei Kindern gilt: «sex sells.»

Erst wenn dies begriffen wird, finden Mediendebatten statt. Denn nicht die Frage, ob Fünfjährige strippen, «ficken» an der Stange simulieren oder Adult sex vor der Kamera nachahmen sollten, ist entscheidend (obwohl: natürlich sollten Kinder dies nicht tun müssen, ebenso wenig wie sie in Kupferminen arbeiten sollten, doch jede Gesellschaft «braucht» ihre Kinder, wie und wo sie sie «braucht»...), sondern weshalb sie medial so gut promoted werden können (sowohl in der Ablehnung als auch in der Verteidigung). In dieser Frage steckt medienpolitischer Sprengstoff oder mit Goethe: «des Pudels Kern.»