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Dienstag
30.8.2016

Medien / Publizistik

Adieu Shakespeare, hello Populismus

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» ist nicht für ihre revolutionären Kritiken bekannt. Doch in einem bemerkenswerten Artikel zur EU-Forschungspolitik ist genau das passiert. Die Politikwissenschaftlerin Dr. Regula Stämpfli geht für den Klein Report dem Zusammenhang zwischen «marktkonformer Wissenschaft», Populismus, Massenverhaftungen von Journalisten und Wissenschaftlern in der Türkei sowie dem Brexit nach. 

Mit «Wozu muss man Platon lesen?» rechtfertigte der Populist Silvio Berlusconi die Kürzung des italienischen Bildungsetats um 17 Prozent. Dies dachte sich wohl auch die EU. Bis 2014 waren Geistes- und Sozialwissenschaften noch in den milliardenschweren Forschungsprogrammen, seitdem sind sie rausgeschmissen worden. «Adieu Shakespeare, hello Brexit» ist das Motto. In Grossbritannien ist schon längst Usus, nur Forschungsprogramme zu finanzieren, die einen «volkswirtschaftlichen» Nutzen haben. Wie man sieht, bereichern solch marktkonforme Wissenschaften die politische Debatte enorm… Wenn Menschen nur noch das wissen dürfen, was sie sollen, sind sie perfektes Wahl-Korruptions- und Populismusmaterial. Kurz: Mit der Aufklärung ist erst mal Schluss in Brüssel.

Dabei hat sich gerade am Beispiel der Türkei gezeigt, dass offene Forschung und Wissenschaft sowie kritischer Journalismus konstitutiv für eine Demokratie sind. Wenn es sie nicht mehr gibt, winkt die Diktatur. Deshalb war es von Recep Tayyip Erdogan folgerichtig, in seiner ersten Amtshandlung nach der Machtergreifung JournalistInnen und WissenschaftlerInnen zu verhaften. Denn nur sie erzählen wieder und wieder, dass das Volk keine homogene Grösse ist, sondern aus vielen besteht.

Wer die Geistes- und Sozialwissenschaften abschafft, macht es Populisten leicht: Klickraten statt Debatten dominieren den Diskurs, und alle werden in den Beobachterstatus geworfen. Es gibt keinen Rechtsstaat mehr, da nicht zuletzt auch die Rechtshistoriker fehlen, die noch wissen, weshalb es überhaupt Verfassungen gibt.

Brüssel tritt mit «Horizon 2020» in Erdogans Fussstapfen: Technik, Zahlen, Rechnungen sollen darüber hinwegtäuschen, dass wir schon längst nicht nur in «marktgerechten» Demokratien, sondern in «marktgerechten» Wissenschaften leben, die keine mehr sind. Auf die Lügenpresse folgt die Lügenwissenschaft.

Heike Schmoll bringt es im FAZ-Artikel auf den Punkt: «Gerade weil die Populisten und Vereinfacher auf dem Vormarsch sind, können Wissenschaftler nicht so tun, als gehe sie dies nichts an. Sie können das energische Eintreten für die Wahrung einer pluralistischen Wissenschaft in einer offenen Gesellschaft nicht den Wissenschaftsmanagern überlassen.»