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Mittwoch
5.10.2016

Medien / Publizistik

Talking about Desaster (Bild Georg Boscher)

Frauen in den Medien sind immer wieder Thema, und die Bilanz ist – trotz kilometerlangen Studien- und Aufschreidebatten – erschütternd retro. Jüngstes Beispiel? Das grosse Interview der «Süddeutschen Zeitung» vom vergangenen Wochenende. Die Talkerin Anne Will wurde von Evelyn Roll befragt. Teaser zum Gespräch: «Anne, Du nervst.» Regula Stämpfli erklärt im Klein Report, weshalb das Interview locker in der Liga für das beste «Handbuch sexistischer Frauenbilder» spielen kann. 

Helen Mirren meinte einmal, sie lasse sich nur gern von Männern interviewen, da vor allem britische Journalistinnen richtig «neidische Zicken» seien, die wollten, «dass du dich schlecht fühlst: Das Problem ist, dass mir mein Instinkt erst mal rät, Frauen mehr zu vertrauen als Männern, ich bin offener mit ihnen. Aber Frauen sind eben wirklich gut darin, sich freundlich zu geben. Nachher liest du dann, was die Frau über dich geschrieben hat, und du denkst, oh Gott, ich dachte, sie mochte mich!»

Hillary Clintons Todfeindin Maureen Dowd von der «New York Times» ist ein Paradebeispiel für den Frauenhass von einigen Journalistinnen. In den Medien findet der Verdacht oft Bestätigung, dass Frauen anderen Frauen den Aufstieg, deren Vorbildfunktion und Erfolg nie vergeben können. Dies ist meist der Fall, wenn die Frau völlig anders ist, als es die Klischees verlangen. 

Vielleicht erlebte Anne Will mit Evelyn Roll im Interview das «Helen-Mirren-Syndrom». Dies ist nur Spekulation. Gedruckt ist ein Gespräch, das jede Frau, die in Medien, Politik und Wissenschaft tätig ist, zum Fremdschämen zwingt. Was hat sich Anne Will nur dabei gedacht, auf die gestellten Fragen so zu antworten? Wo war sie bei der Autorisierung des Gesprächs?

Talking about Desaster - die erste Frage: «Reden Sie gerne oder hören Sie lieber zu?» Was macht Anne Will? Sie legt ihren Kopf grad selber auf die sexistische Guillotine. Ganz dem Klischee entsprechend, dass Frauen viel reden und Männer autofahren, erzählt sie auf Kindchenniveau über ihre Plappersucht: «Ich war dieses Kind, das unablässig redete.» Die Frage-Einzeiler von Evelyn Roll wie: «Haben Sie ein Beispiel?», «Was kann man dagegensetzen?», «Wo genau liegen die?» oder «Was genau sagt er dann?» verführen die Talkerin zu ellenlangen Nullsätzen, die alle mit «Ich glaube...», «Ich finde...» oder «Ich bin traurig...» beginnen.  

Statt über den Zusammenhang von Politik, Talk, Unterhaltung, digitalen Wandel, der von der Sprache zur Zahl führt, oder über den wachsenden Populismus Auskunft zu geben – so wie man es eigentlich von einer Talkerin der wichtigsten Politiksendung der ARD erwarten könnte –, erzählt Anne Will, wie sehr sie auf Mama und Papa hört und während der Sendung vollständig auf ihren Redaktionsleiter, Andreas Schneider, angewiesen ist.

Auf Rolls hinterhältige Bemerkung «Man glaubt als Zuschauer richtig sehen zu können, wenn der Mann in Ihrem Ohr sagt: Du musst jetzt dringend mal wieder lächeln!» meint Will (statt Roll hier einfach zu ignorieren): «Ja? Wenn ich sehr konzentriert bin, sehe ich manchmal fast streng aus. Deswegen haben wir tatsächlich eine Verabredung: Sag mir Bescheid, wenn das wieder so ist.» Roll hakt nach: «Was sagt er dann?» Will: «Guck nicht so streng, sagt er dann», und sie erzählt, wie peinlich dies dann ist, wenn sie lächelt wie ein «Honigkuchenpferd», während ein Gast in dem Moment grad was Ernstes sagt. 

Honestly? Wollen, sollen wir dies als intelligente Zuschauer und Zuschauerinnen wirklich wissen?

Zum Vorwurf, Kanzlerjournalistin zu sein, antwortet die Startalkerin: «Aber wir haben natürlich kurz überlegt: Sehe ich jetzt aus wie die Regierungssprecherin? Die Antwort war: Nein.» Auf die einzig medienpolitisch relevante Frage von Roll, «ob die AfD» - gemessen an Wills Anspruch, holzschnittartige Echokammern zu unterbinden – «bei Ihnen nicht viel zu viel zu Wort» komme, weiss Will nichts anderes zu sagen als: «Finde ich nicht.» 

Statistiken, Auswahlkriterien, Sendezeiten pro Gast als Antwort der Moderatorin der wichtigsten Talkshow Deutschlands? Fehlanzeige. Stattdessen ein Stammtischgeplänkel, dass man eine Partei, die in Landesparlamenten sitzt, in denen sie ohne Medien nie hätte Platz nehmen können, nicht als «Schmuddelkinder» ausgrenzen dürfe. 

Wenn «von Frau zu Frau» in einem politischen Leitmedium ein Gespräch über Medien, Politik, Macht und Fernsehen geführt wird und dies das Durchschnittsniveau einer «Girls Night out» sowohl auf Fragen- als auch auf Antwortenseite um zahlreiche Etagen unterschreitet, dann wird manches klar, was in den westlichen Demokratien und auch in puncto Gender falsch läuft. Anders, als in der «NZZ» jedoch kürzlich zu lesen war, trägt die Schuld nicht der digitale Mob, sondern die journalistische Elite, die sich Friseursalongespräche und unkritischer Aufmerksamkeit bedient.