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Mittwoch
06.10.2021

Medien / Publizistik

«Sie können Redaktionsleiter Alexander Sulanke bei einem ersten Termin die Meinung sagen»: Aufruf des «Hamburger Abendblatts» zur ersten «Leserkonferenz». (Bild Screenshot)

Alle Medienhäuser analysieren Klick-Daten, um ihre publizistische Ausrichtung zu schärfen. Eine ganz wesentliche Sache aber kann kein Klick-Trend verraten: Was den Usern fehlt.

«Veröffentlichen wir die richtigen Geschichten – oder verpassen wir wichtige lokale Geschichten? Warum kaufte sich unser Online-Publikum nicht ein, obwohl wir ein unserer Meinung nach attraktives Abo-Angebot präsentierten? Warum abonniert mein Nachbar unsere Zeitung nicht, obwohl wir uns beim Small Talk immer wieder über ‚Abendblatt‘-Geschichten unterhalten?»

Solche und ähnliche Fragen stellen sich viele Medienmanager derzeit. So auch Ruth Betz. Sie dirigiert die digitale Transformation bei der Funke Mediengruppe, die das «Hamburger Abendblatt» herausgibt.

Das Tückische dabei ist, dass die Klick-Zahlen schweigen, wenn man sie mit Fragen nach blinden Flecken konfrontiert. Daher greifen immer mehr Medienhäuser zu anderen Mitteln. Betz und ihr Team fragten direkt bei den Usern nach.

In einer ersten Runde führten sie Interviews mit einzelnen Digital-Abonnenten. Andere luden sie ein zu einer «Leserkonferenz mit Redaktionskollegen» und baten sie um Themenvorschläge, die vom «Hamburger Abendblatt» nicht abgedeckt werden. 

Dies habe «tiefe Einblicke in die Bedürfnisse der Menschen» zu Tage gefördert, schreibt Rutz Betz in einem Blog-Eintrag des internationalen Verlegerverbandes (INMA) weiter. 

«Abonnenten eines bestimmten lokalen Marktes erzählten uns von einem ‚Gefühl des Zurückgelassenseins‘ – von Kabeln, die aus der Halle in der U-Bahn-Treppe hängen und unzureichenden öffentlichen Verkehrsmitteln. ‚Finden Sie heraus, warum wir uns zurückgelassen fühlen‘, lautete die Botschaft unserer Leser in dieser Region. Andere Leser erzählten uns von Sportveranstaltungen, die wir verpasst hatten, lokalen Geschäftshelden und Freiwilligen, denen mehr Platz eingeräumt werden sollte.»

Wie jene Menschen ticken, die das «Hamburger Abendblatt» zwar kennen und vielleicht auch seine Gratis-Artikel schätzen, es aber dennoch nicht abonniert haben, versuchte die Digital-Transformerin mit «ausgefeilten Fragebögen» herauszufinden.

«Was fehlt? Beim ‚Hamburger Abendblatt‘ schliessen wir endlich diese Lücke, indem wir in Interviews und Umfragen herausfinden, was uns die Daten nicht zeigen.»