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Donnerstag
07.01.2021

Medien / Publizistik

«Leider müssen wir zehn Jahre später feststellen, dass das Potential der sozialen Medien bis heute nicht nachhaltig genutzt werden konnte.» (Bild: Screenshot)

An der Dreikönigstagung des Verbands Schweizer Medien (VSM) hat Pietro Supino, CEO der TX Group, in seiner Eröffnungsrede gegen soziale Medien und das gescheiterte Mediengesetz gestichelt. Supino plädierte stattdessen für die Förderung der Medienkompetenz, die er als «nobelste Form der Medienförderung» bezeichnete.

Den Livestream der Dreikönigstagung verfolgt haben Redaktor Jonathan Progin und Chefredaktorin Ursula Klein.

Unmittelbar nach den einleitenden Worten des scheidenden Geschäftsführers Andreas Häuptli begann Supino überraschenderweise mit dem Arabischen Frühling. Supino sagte, dass er von einem Artikel im «Economist» zu den Unruhen vor zehn Jahren im arabischen Raum inspiriert war.

Dass sich Supino ausgerechnet beim britischen «Economist» bediente, um eine Rede als Präsident des schweizerischen Verlegerverbandes zu schwingen, mag erstaunlich wirken, ist es in Wahrheit aber nicht: Supino sitzt nämlich seit letztem Jahr im Verwaltungsrat des italienischen Medienkonzerns Gruppo Editoriale (Gedi), der mehrheitlich der Investmentgesellschaft Exor gehört, die wiederum mit knapp 44 Prozent am «Economist» beteiligt ist.

Mit dem Beispiel des Arabischen Frühlings wollte Supino einen etwas ungewöhnlichen Vergleich mit der Medienbranche ziehen: die Hoffnung auf Veränderung durch die sozialen Medien. «Die neuen Technologien und innovativen Applikationen hatten ein fantastisches Potenzial für die Demokratisierung der Welt eröffnet», sagte Supino.

«Leider müssen wir zehn Jahre später feststellen, dass das Potenzial der sozialen Medien bis heute nicht nachhaltig genutzt werden konnte. Vielmehr sind die sozialen Medien zu einer Gefahr für demokratische Gesellschaften geworden», malte Supino den Teufel an die Wand. Es liege in der Natur der Sache, dass die sozialen Medien den gesamtgesellschaftlichen Diskurs untergraben. Noch schlimmer sei, dass diese nicht selten zur aktiven Manipulation missbraucht würden.

Unverhofft kam er dann auf das gescheiterte Gesetz über elektronische Medien in der Schweiz zurück und begann mit seinem politischen Lobbying: Für ihn sei «das Unverständlichste an dem insgesamt missglückten Vorhaben», dass die Gefahr durch Manipulation in den sozialen Medien nicht einmal angesprochen worden sei.

Hier verwies er kurz auf die Interpellation des grünliberalen Nationalrats Martin Bäumle, die Ende Dezember mit dem Namen «Digitale Desinformation - eine unterschätzte Gefahr?» eingereicht wurde.

Soziale Medien würden das Geschäftsmodell von Medienunternehmen gefährden, indem sie Trittbrett fahren und den digitalen Werbemarkt dominieren. «Durch ihre Missachtung von Standards eröffnen sie aber auch Chancen für jene, die sich an den Regeln des Handwerks orientieren. Das ist nach meiner Überzeugung die einzige Chance, die wir als Verleger haben», sagte Pietro Supino.

Aus Sicht des Verlegerpräsidenten sei das «langfristig wichtigste medienpolitische Anliegen die Förderung der Medienkompetenz». Das sei nämlich die «nachhaltigste und die nobelste Form» der Medienförderung, gibt sich Supino staatstragend und spielt sich als oberster Medienvermittler des Landes auf.

«Das Stärken der Infrastruktur und Hilfe zur Selbsthilfe sind besser und nachhaltiger, als Fördergelder an Medienunternehmen zu zahlen und damit unvermeidlich die Unabhängigkeit des Mediensystems zu gefährden», fügte er dann beiläufig an.

Ausserdem sei mit der Initiative des VSM für das Media Technology Center an der ETH Zürich der Grundstein dafür gelegt worden, dass «unser Land ein führender Standort auf diesem Gebiet wird», sagte Supino, der sich mittlerweile zum Politiker hochstilisiert hatte: «Ich garantiere Ihnen, dass wir in zehn Jahren mit Stolz darauf blicken und erheblich davon profitiert haben werden.»

Ergänzend nannte er noch das neue, auf den Lehrplan 21 ausgerichtete Verleger-Angebot, das ein E-Learning-Tool mit Modulen zur Arbeitsweise im professionellen Journalismus und zu Fake News sein soll.

«Ich denke, dass wir stolz sein können auf unser langfristig ausgerichtetes Engagement für den Medienstandort Schweiz», schloss Pietro Supino, der den Verlegerverband praktisch komplett dominiert.