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Donnerstag
13.10.2016

Medien / Publizistik

Der Aufschrei unter Qualitätsjournalisten war gross: Die Frontseite der «Neuen Zürcher Zeitung» vom Samstag zierte ein «courage is everything» - die ziemliche Up2date-Werbung von Porsche Panamera.

Die NZZ-Mediengruppe hat die Werbevermarktung von der Publicitas wieder in Eigenregie übernommen, die Porsche-Front war nun der erste Ausdruck davon, kommentiert Medienexpertin Dr. Regula Stämpfli für den Klein Report, und weshalb sie dies nicht so schlimm findet.

Transparenz ist für demokratische Prozesse und Information matchentscheidend. Deshalb ist beispielsweise lobbywatch.ch so wichtig für das politische System, weil hier gezeigt wird, wie Politiker und Politikerinnen nicht für die Allgemeinheit die Gesetzgebung eines Landes gestalten, sondern nur fürs eigene Portemonnaie. Deshalb ist aber smartvote.ch für die Demokratie verheerend, weil mit der Vermessung der Politiker und Politikerinnen nach «links» und «rechts» so getan wird, als würden objektive Positionen dargestellt, wenn in Tat und Wahrheit «links» und «rechts» nach Gutdünken und ideologischer Ausrichtung der Smartvote-Rasterfahnder bestimmt wird. Lobbywatch.ch ist Transparenz pur, smartvote.ch ist Tendenz pur.

Spot the difference? So geht Qualitätswissenschaft und Qualitätsjournalismus.

Wenn die «Neue Zürcher Zeitung» ihre Frontseite mit einem Porsche-Inserat - mit übrigens zeitgenössisch wirklich hippem Slogan - verschmelzen lässt, ist dies an Transparenz nicht zu übertreffen. Die NZZ versteckt die Werbung nicht in den Beiträgen, sondern sie macht sie explizit. Also: Wo liegt das Problem? Zudem: Es handelt sich um die Werbung für ein Produkt. Es ist keine Werbung für einen Lifestyle, für eine politische Partei, für eine Fernsehsendung mit entsprechendem Inhalt, sondern es ist eine klassische, klare Werbeanzeige auf der ersten Seite.

NZZ schaltet Werbung, «20 Minuten» war ausschliesslich Werbung.

Wenn aber «20 Minuten» vor den nationalen Wahlen seinen Umschlag mit einem SVP-Titelbild inklusive «20 Minuten»-Logo und der Rückseite mit «Liebe `20 Minuten`-Leser» als Editorial des SVP-Parteipräsidenten verschmelzen lässt, ist dies keine Werbung mehr, sondern ein Hybrid zwischen Information und Werbung. Es ist auch nicht einfach «Politainment», sondern es ist «Propaganda-Print» ohne Transparenz.

«20 Minuten» schaltete am 11. Oktober 2015 nicht einfach SVP-Werbung, sondern «20 Minuten» war am 11. Oktober 2015 gestalterisch, inhaltlich ununterscheidbar eine SVP-Publikation. Deshalb fruchtete auch die Crowdfunding-Gegenwerbung auf «20 Minuten» nichts, denn an dem Tag war «20 Minuten» nicht Anti-SVP-Blatt, sondern nur Werbeträger, da die Politwerbung klar als solche gekennzeichnet war, was bei der SVP-Gestaltung nicht der Fall war.

Das ist der Unterschied. Ähnlich wie im Sport: Die deutsche Nationalmannschaft heisst noch nicht «Team Adidas», aber sie wirbt für Adidas, während im Radsport nur noch «Team Telekom» und keine Nation mehr zum Wettbewerb antritt.

Kurz: Die NZZ hat auf der Frontseite Werbung geschaltet. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte, aber es war immer noch Werbung. «20 Minuten» hingegen schaltete am 11. Oktober keine Werbung, sondern sie verschmolz mit ihr. Diesen Unterschied gilt es endlich mal klar festzuhalten und zu diskutieren.