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Freitag
16.11.2018

Medien / Publizistik

Tamedia-Verhandlungen «völlig verstockt»

Keine Arbeit, kein Sozialplan: 41 gekündigte Mitarbeitende von «Le Matin» haben am Donnerstagmorgen vor dem Tamedia-Sitz in Lausanne protestiert, weil sie auch fünf Monate, eine Woche und einen Tag nach der Ankündigung, dass die Printausgabe von «Le Matin» eingestellt wird, nicht wissen, wie ihr Sozialplan aussieht.

In einem offenen Brief, den die Journalisten, Layouter, Fotografen und Produzenten vor dem Verlagsgebäude vorlasen, brachten sie ihre Wut und Frustration mit Blick auf die Vorgänge der letzten Monate zum Ausdruck. «Der Zürcher Verleger hat entgegen seiner gesetzlichen, sozialen und moralischen Pflichten immer noch keinen anständigen Sozialplan vorgeschlagen», heisst es unter anderem im Schreiben, das von der Bewegung «Soutien aux 41 du Matin» gezeichnet ist.

Während die Kündigungsfristen der 41 freigestellten Mitarbeiter unterdessen praktisch alle abgelaufen sind, seien die Verhandlungen «völlig verstockt», sagte Stephanie Vonarburg, Vizepräsidentin der Gewerkschaft Syndicom, auf Nachfrage des Klein Reports.

Im offenen Brief wird Tamedia sogar vorgeworfen, die Verhandlungen nur zum Schein geführt zu haben: «Im Juni wurde zunächst ein Konsultationsverfahren simuliert. Resultat: Alle Vorschläge der Redaktion, Stellen in der Romandie zu retten, wurden ausgeschlagen.»

Es folgte im Juli ein Mediationsverfahren unter der Obhut der Kantonsregierungen von Waadt und Genf - erneut ohne erkennbare Fortschritte. Kurz darauf wurde das Verfahren vom Medienkonzern einseitig abgebrochen. «Aus heutiger Sicht scheint offensichtlich, dass Tamedia die Mediation nur auf sich genommen hat, um einen historischen Streik der Redaktion abzuwenden», finden die Ex-Mitarbeiter deutliche Worte.

Auch eine dritte Verhandlungsrunde kann aus Sicht der gekündigten Mitarbeiter nur als Zeitverschwendung bezeichnet werden. «Tamedia hat die Begleitmassnahmen der letzten Kollektivkündigung aus dem Jahr 2016 vorgeschlagen. Während die Personaldelegation mehrmals die eigenen Forderungen nach unten anpasste, hat Tamedia selbst kleinste Eingeständnisse verweigert.»

Die vergangenen fünf Monate haben bei den Ex-Mitarbeitenden und den Gewerkschaften, die ihre Interessen vertreten, tiefe Narben hinterlassen. Die öffentliche Charmeoffensive des Medienkonzerns, der sich am Mittwoch für ein Schiedsverfahren bereit erklärte, sieht man deshalb skeptisch. Stephanie Vonarburg deutet den Schritt als proaktive Massnahme mit Blick auf den Protest des Personals vom Donnerstagmorgen: Tamedia habe von der Aktion Wind bekommen und zuvorkommend kommuniziert, «um in der öffentlichen Wahrnehmung gut dazustehen», sagte Vonarburg dem Klein Report.

Entgegen den Ausführungen von Tamedia könne überhaupt keine Rede sein von einem «grosszügigen» Sozialplan-Angebot. «Der Sozialplan für die gekündigten Mitarbeitenden der SDA war viel besser, auch derjenige beim `Tages-Anzeiger` von 2009», so der Vergleichsmassstab für Gewerkschaften und Personal.

Zudem macht Stephanie Vonarburg darauf aufmerksam, dass Tamedia lediglich ein «Schiedsverfahren im Rahmen des GAV» möchte. «Doch diesem GAV sind bei Weitem nicht alle Mitarbeitenden unterstellt: Viele Layouter, Korrektoren, Produzenten, Infografiker, Bildredaktoren und Fotografen, sie sind alle nicht erfasst.»