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Montag
02.03.2020

Medien / Publizistik

«Medienportale müssen sich dazu Gedanken machen, ob sie eine Plattform für Hetze und Verschwörungstheorien sein wollen», sagt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner.

Ein Artikel des «Tages-Anzeigers» provozierte antisemitische Online-Kommentare. Zehn davon wurden trotz redaktioneller Prüfung publiziert. Tamedia bedauert den Vorfall.

«Wachsende Bedrohung. Synagogen rüsten auf» titelte der «Tages-Anzeiger» am 22. April 2019. Unter den Online-Leserkommentaren dazu waren zehn, die der aktuelle «Antisemitismusbericht» des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) antisemitisch taxiert.

«Warum bezahlt nicht Israel, wenn die Juden unbedingt Sicherheit wollen?», kommentierte ein Leser den genannten «Tagi»-Artikel. «Viel Lärm um Nichts, viel Geschwurbel um längst vergoltene Gräueltaten unter absoluter Ausblendung heutiger Gräueltaten der jüdischen Nation», schrieb ein zweiter.

Ein dritter fand, dass die «Religionshäuser» selber für «ihre» Unkosten aufkommen sollten. «Wir Zürcher Steuerzahler führen schliesslich nicht seit Jahrzehnten einen Religionskrieg in Palästina.»

«Ich bin eine jüdische Zürcherin und führe keinen Krieg in Palästina», gab eine Leserin zurück. «Wieso soll ich nicht geschützt werden, wie jeder Fussball-Fan, wie jeder Demo-Teilnehmer, wie jeder andere Bürger, der unschuldig bedroht wird?»

Der springende Punkt dieser Kommentare ist für SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner vor allem, «dass jüdische Schweizer mit Israelis gleichgesetzt respektive Antisemitismus in der Schweiz durch das Handeln der israelischen Regierung gerechtfertigt» wird, wie er gegenüber dem Klein Report sagte.

Konfrontiert mit dieser Kritik bedauerte der «Tages-Anzeiger», die Kommentare freigeschaltet zu haben. «Wir tolerieren weder antisemitische noch sonstige rassistische, ehrverletzende oder gesetzeswidrige Kommentare und haben alle Kommentare zum Artikel vom Netz genommen», sagte Nicole Bänninger, Kommunikationsverantwortliche Tamedia und Stv. Leiterin Kommunikation TX Group, gegenüber dem Klein Report.

Für die Freischaltung der Online-Kommentare sei beim «Tages-Anzeiger» «ein kleines Team an freien Mitarbeitenden unter der Leitung der Social-Media-Redaktion zuständig», sagte Bänninger weiter. «Die Social-Media-Plattformen werden direkt vom Social-Media-Team betreut.»

«Die eingehenden Kommentare werden streng geprüft und unterstehen klaren Richtlinien. Werden diese verletzt, wird der entsprechende Kommentar nicht veröffentlicht respektive gelöscht.» Genaueres zu den Prüfkriterien sagte die Mediensprecherin nicht.

Der «Tages-Anzeiger» steht längst nicht alleine da, doch mit gleich zehn antisemitischen Kommentaren zu einem einzigen Artikel sticht das Blatt doch heraus: Bei der «Basler Zeitung» zählte der «Antisemitismusbericht» verstreut übers ganze letzte Jahr insgesamt 13 Vorfälle, bei watson.ch sechs, bei 20min.ch zwei, bei blick.ch einen Vorfall.

Dass antisemitische Leserkommentare trotz redaktioneller Prüfung immer mal wieder publiziert werden, liegt für den SIG daran, dass der antisemitische Gehalt verklausuliert daherkommt: «Oft wird zum Beispiel bei Themen zu Schweizer Juden eine Verbindung zu Israel hergestellt. Insofern wird Schweizer Juden die Schweizer Nationalität aberkannt und es wird ihnen unterstellt, vornehmlich im Interesse Israels zu handeln», sagte Jonathan Kreutner weiter zum Klein Report. 

Auch würden Code-Wörter wie «Auserwählte» oder «Globalisten» verwendet, die über diesen Umweg auf klassische antisemitische Vorurteile oder gar Verschwörungstheorien anspielten.

«Bei den Webseiten der Medienportale stellen wir fest, dass sich einige Medien in diesem Bereich verstärkter engagieren. Das begrüssen wir sehr», so der SIG-Generalsekretär weiter.

Nachholbedarf gibt es bei den Sozialen Medien, allen voran auf Facebook. Laut dem «Antisemitismusbericht» scheinen die Leserkommentare zu den geposteten Artikeln von den Redaktionen «selten kontrolliert zu werden», was sich in einem «grossen Spektrum an antisemitischen Äusserungen» spiegle, «oftmals sogar strafrechtlich relevanten».

«Medienportale müssen sich dazu Gedanken machen, ob und wie sie eine Plattform für Hassrede, Hetze und Verschwörungstheorien sein wollen», sagte Jonathan Kreutner schliesslich. Netiquette-Regelungen seien sinnvoll, müssten dann aber auch konsequent durchgesetzt werden. 

«Für einige Medien heisst das wahrscheinlich auch, dass sie den Aufwand beim Community-Management verstärken müssen.»